16. Oktober 2014

#Gastbeitrag:
Der unterirdische Fluss der Sprache

Text: Jan Fischer   Foto: Bohdan Piasecki

Zum 20. Jubiläum der deutschen Poetry-Slam-Szene gibt der SATYR-Verlag eine Anthologie mit Texten wichtiger Protagonisten heraus. Sie beweist: Trotz berechtigter Kritik am Format ist die Sprache dort nach wie vor lebendig.

Geht man durch die Straßen irgendeiner großen Stadt, sieht man die Plakate, überall, wenn man nur genug darauf achtet: an den Säulen der Unterführungen, an Bauzäunen, an Stromkästen. Irgendwer veranstaltet irgendwo immer einen Poetry Slam. Das Format ist – ganz unmittelbar – da. Angekommen. Gegenwärtig.

„Der Slam ist, was die Amerikaner »the school of hard knocks« nennen. Die Schule der harten Schläge. Das Klassentreffen auf dem Bordstein”, schreibt Stephan Porombka, Professor für Textgestaltung an der Berliner Universtät der Künste und selbst ehemaliger Slammer, im Vorwort von “Die Poetry-Slam-Fibel.”

Experiment statt Langeweile

Denn während anderswo mit der Seelenruhe, zu der nur Literaturwissenschaftler fähig sind, die hohen Weihen literarischer Qualität vergeben werden, gilt es beim Poetry Slam vor einem gnadenlosen Publikum zu bestehen. Während anderswo Texte als Druckwerk funktionieren müssen, ist beim Poetry Slam nicht nur der Text wichtig, sondern auch die Performance des Textes. Während anderswo an Langeweile gefeilt wird, wird beim Poetry Slam experimentiert.

Die Großen der Szene

Die Poetry-Slam-Fibel möchte genau das abbilden: Das wilde, wirre Sprachexperiment, das seinen Raum nur für den Augenblick der Performance auf diesen kleinen, dunklen Bühnen eigenartiger Locations findet. Es ist eine Anthologie, die einige der ganz Großen der Szene versammelt: Bas Böttcher, Nora Gomringer, Marc-Uwe Kling, Felix Römer, Xóchil A. Schütz, um nur ein paar Namen zu nennen. Zu den Texten gibt es in der Fibel auch QR-Codes, die auf eine Audiodatei verweisen, weil Poetry Slam gedruckt eben nur begrenzt funktioniert.

Schönes Geburtstagsgeschenk

Die Anthologie gefällt sich darin, ein Bild vom Poetry Slam als Ort zu zeichnen, an dem Literatur dynamisch und neu passiert, an dem atemlos von Sprachexperiment zu Sprachexperiment gehastet wird, an dem abseits des ruhigen, trägen Flusses der Hochliteratur das eigentlich Neue und Interessante passiert, an dem irgendwo unterirdisch ein größtenteils unentdeckter reißender Strom an Neuerungen fließt. Und tatsächlich halten die Texte der Anthologie dieses Versprechen auch: 280 Seiten Lyrik, Prosa, alle möglichen Misch- und Spielformen, Texte, die sich bemühen, etwas neu, etwas anders zu machen. Jeder Text ist für sich eine kleine Entdeckung.

Tatsächlich ist „Die Poetry-Slam-Fibel“ eine schönes Geschenk zum 20. Geburtstag des Formats: Eine Liebeserklärung an die Sprache und den Ort, an dem sie ungestört wildwuchern darf, um neue, eigenartige Blüten hervorzubringen. Sie zeigt auch, was den Slam in den 20 Jahren seiner Existenz in Deutschland so erfolgreich gemacht hat: die Überraschung.

Comedy und Pseudokunst

Bei aller Freude über den Geburtstag der Szene zeigt die Anthologie aber doch ein Problem des Slams auf. Während die Autoren, die in der „Poetry-Slam-Fibel“ versammelt sind, als Elite der Slam-Szene ihre Sprachspiele veranstalten, wächst an jeder Ecke ein Slam aus dem Boden, gefördert aus öffentlichen Mitteln, veranstaltet als Rahmenprogramm riesiger Events: Gerade die Popularität des Formates sorgt dafür, dass es Mainstream wird. Das ursprünglich demokratische Format der abseitigen Sprachkünstler bringt eine Elite hervor und wird – nicht immer, aber viel zu oft – zum handzahmen Comedy- oder Pseudokunstformat degradiert. Das viral verbreitete Julia-Engelmann-Video zeigt nur ein besonderes krasses Beispiel. Diese Kritik gilt zwar nicht für die „Poetry-Slam-Fibel“, die ja nur herausragende Texte versammeln will und das auch schafft. Aber gerade der Hinweis auf den 20. Geburtstag der Szene, auf die Freiheit der Sprachspieler, auf das Undergroundige des Formates lässt einen doch aufhorchen und etwas genauer hinschauen. Und wer genauer hinschaut, der sieht: Es geht dem Poetry Slam nicht schlecht, aber so richtig gut geht es ihm auch nicht. Und der Grund hierfür ist sein eigener Erfolg.

 

Weitere Informationen

Wolf Hogekamp, Bas Böttcher (Hg.): Die Poetry-Slam-Fibel. 20 Jahre Werkstatt der Sprache.
SATYR Verlag, Berlin
287 Seiten, 14, 90 Euro
ISBN-10: 3944035380

 

Der Artikel erschien im Original auf globe-m.de.
Unser Gastautor Jan Fischer wird auch einen Beitrag im Magazin gestalten.

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