7. November 2014

Autorencasting: Undercover in Siegen

Text: Svenja Reiner   Foto: Svenja Reiner

Beim ersten Skype-Gespräch im Juni riet uns das KM Redaktionsteam bei der Ausarbeitung des Konzepts ruhig ungewöhnliche Autoren mitzudenken. Uns wurde geraten, so früh wie möglich mit der Ansprache zu beginnen: Ende Oktober sollte die Autorenspalte im Redaktionsplan komplett grün markiert sein.

Es ist Anfang November und für manche Artikel suchen wir noch immer. Eine dieser Lücken haben wir mittlerweile mit einem “angefragt” füllen können: Durch unseren Besuch auf der erste IASPM-D-A-CH-Konferenz vom 24.-26.10. in Siegen.

Unter dem Titel: “Conceptualising popular music. Öffnungen, Aneignungen, Positionen” veranstaltet der deutschsprachige Zweig der International Association for the Study of Popular Music seine erste wissenschaftliche Konferenz. Dabei stehen im Mittelpunkt Vorträge und Diskussionen zu Fragen der popular music, populären Musikformen, Popmusik und Praxen sowie Zugänge durch die verschiedene Fachrichtungen, die das Feld Musikwissenschaft mittlerweile erweitert: Soziologie, Geschichtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Ethnologie, Medien- und Kulturwissenschaften, Sprachwissenschaften und Pädagogik. Hui – ob ich hier einen Autor finde?

In seiner Keynote untersucht Gérôme Guibert die Konzepte des Populären und der Populären Musik in seinem Heimatland Frankreich. Die Anwesenden werden sofort mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, die sie aus ihren zumeist deutschsprachigen Kontexten gar nicht kennen. Ich komme schon bei der Unterscheidung von Popularmusik und Popmusik ins Straucheln: Ist das nicht nur eine andere Schreibweise? Nein, sagt Gérôme und setzt einen drauf: Die Franzosen diskutieren zudem, ob Chanson nun Popularmusik oder Rock’n’Roll ist – oder gar beides?!

Ihm folgt Martin Butler mit einem spannenden Vortrag zur Wichtigkeit der eigenen Positionierung, Barbara Hornberger untersucht aus theaterwissenschaftlicher Perspektive den Unterschied zwischen Aufführung und Auftritt und während ich in der Pause schnell einen Kaffee trinke, fällt mir auf, dass ich zwar fleißig mitgeschrieben habe und mehr als einmal überlegte, warum ich nicht Musikwissenschaften studiere – aber auf mögliche Autorenschaft habe ich die Redner nicht untersucht.

Am nächsten Tag bin ich besser vorbereitet und habe noch einmal über den geplanten Magazinbeitrag nachgedacht. Heute sprechen Musiksoziologen und -ethnologen, eine Pädagogin ist auch dabei. Es gibt einen Beitrag zu Musikwirtschaftsforschung und ein langes Panel zu Copyright und Urheberrecht. Inklusiv: Notorisch-lange Fragestellungen aus dem Publikum und Anschlussdiskussionen, denen ich gespannt lausche und zu deren Länge ich wohl niemals beitragen werde, bis mein Namensschild nicht mindestens zweizeilig geworden ist. Fazit am zweiten Abend: Anzahl möglicher Zweitstudiengänge: 8, Anzahl angesprochener potenzieller Autoren: 0.

Der dritte Konferenztag soll alles herausreißen: Das notorisch-graue Siegen lässt sich zu verschwenderischem Sonnenschein hinreißen, das Thema des Vormittags sind Sound Studies. Alle Redner schwören, sich an die Redezeit zu halten, keiner tut es und Moderatorin Susanne Binas-Preisendörfer schwingt ein strenges Zeitzepter. Beim Beitrag zu “Sound als Stimulans der massenhaften emotionalen Kommunikation” steige ich gedanklich aus und berate mich noch einmal per Facebook-Chat mit den daheim gebliebenen Redaktionsmitgliedern. Als ich am Abend nach Hause fahre, habe ich zwar eine Visitenkarte in der Tasche, werde letztlich aber einen Autoren anfragen, der gar nicht auf der Konferenz gesprochen hat. Autorencastingwege sind doch häufig eines: unergründbar.

 

 

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