Utopie

9. Februar 2015

Wenn ich ehrlich bin, dann war es wie im Museum

  Text: Sophia Hembeck    Foto: Jörg Baumann - für die Ruhrtriennale 2013  


Vor ein paar Jahren, ziemlich vielen Jahren um genau zu sein, war ich im Neandertaler-Museum. Wir bekamen Kopfhörer aufgesetzt und konnten an verschiedenen Stationen Geschichten über unsere Vorfahren lauschen. Das war damals ziemlich modern: das Wissen auf neue, interessantere Weise zu vermitteln – direkt über die Ohren in den Kopf sozusagen. Gleichzeitig konnte man auch noch Texte auf großen Tafeln lesen, falls man genauere Informationen haben wollte. Ich weiß noch, wie ich dachte: Das ist klug. So kann man sehr viel lernen.

Als ich vor ein paar Wochen dann an der freien Theaterproduktionsstätte HAU in Berlin war, um mir Situation Rooms von Rimini Protokoll anzuschauen, fühlte ich mich stark an jene Erfahrung aus der Grundschule erinnert. Nur hatte ich zusätzlich einen Tablet-PC in der Hand.

Rimini Protokoll über Situation Rooms: 

„‘Situation Rooms’ versammelt 20 Menschen aus mehreren Kontinenten,deren Biografien von Waffen mitgeschrieben wurden in einem Filmset, in dessen Räumen die globalisierte Welt der Pistolen und Panzerfäuste, der Sturmgewehre und Drohnen, der Regierenden und Flüchtenden nachgebaut wurde und so zu einem Parcours unerwarteter Nachbarschaften und Kreuzungen wird. […] Der Besucher sitzt diesem Stück nicht gegenüber, um es von außen zu betrachten und zu beurteilen, sondern verstrickt sich selbst in ein Netz von Begebenheiten, schlüpft in die Perspektiven von Protagonisten, deren Spuren von anderen Zuschauern verfolgt werden. […] Situation Rooms ist ein multiples Simultan-Kino. Augmented Reality, die so dreidimensional ist, wie es nur Theater sein kann!”

„An euren Touchpads sind Nummern. Diese Nummer gehört zu einer Tür, davor müsst ihr euch stellen.“ Ich stehe in einer großen Halle, in der viele Container auf- und ineinander geschachtelt sind. Vor mir auf einem Tisch liegt jeweils immer ein Tablet mit Kopfhörern. Ich habe die Nummer 17 und stelle mich vor die Tür mit der gleichen Zahl. Ein Countdown auf meinem Tablet zählt runter. Dann sehe ich die Tür, vor der ich stehe, auch auf meinem Tablet und wie eine Hand die Türklinke herunter drückt. Ich tue das gleiche und trete ein. In dem kleinen Raum ist ein Präsentationstisch aufgebaut, auf dem Prospekte von Schutzkleidung für den Krieg liegen. Ein schwarzer Handschuh ist auf einem Ständer befestigt. Eine männliche Stimme erzählt mir, sie habe den Handschuh hergestellt, der elektromagnetische Schwingungen oder so etwas in der Art registrieren kann. Ich verstehe den Sprecher nicht ganz, da ich gleichzeitig damit beschäftigt bin, mich im Raum zu orientieren. Dann soll ich das Tablet gegen den Handschuh halten und der Handschuh vibriert. Plötzlich kommt ein anderer Zuschauer durch die Tür, wir geben uns die Hand, so wie auf dem Tablet angezeigt, und ich ziehe ihm eine schwere Weste an, wie von mir verlangt. Daraufhin geht der andere Zuschauer weiter und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Mir wird gesagt, dass ich ebenfalls zu einem wichtigen Meeting müsse, und ich bin ein bisschen verwundert: Muss ich nicht meine Weste zurückholen oder verkaufen?

Auf meinem Weg zum Meetingraum sehe ich andere Gäste, die auf meinem Tablet mit Bezeichnungen wie „Soundso, Ärzte ohne Grenzen“ oder „Soundso, Kindersoldat“ beschrieben werden — ähnlich wie in einem Computerspiel. Nur kann ich nicht wirklich etwas damit anfangen, da ich nicht verstehe, warum ich sie auf meinem Weg zum Meeting überhaupt sehen sollte bzw. warum diese Menschen im Video auch Tablets vor sich und Kopfhörer tragen. Es ist ein bisschen merkwürdig, denke ich, und komme im Meetingraum an. Dort soll ich die Flaschen zurechtrücken und die Mappe vom Arzt, der diese dort liegen gelassen hat, wieder zurück in die Tischschublade legen. Wieder verstehe ich nicht ganz, was denn dieser Arzt hier überhaupt zu suchen hat, doch viel Zeit über diese Unlogik nachzudenken bleibt nicht, denn ich muss meinen Geschäftspartner, oder wer auch immer da durch die Tür kommt, begrüßen. Nach der Begrüßung soll ich den Raum auch schon wieder verlassen. „Wie, findet jetzt nicht das Meeting statt?“, denke ich enttäuscht. Nein, stattdessen soll ich in eine Ecke des Flurs gehen und dann verlässt mich die männliche Stimme und der Bildschirm wird schwarz. „Okay“, denke ich, „und jetzt?“ Nach ein paar Sekunden geht der Bildschirm wieder an und eine neue Person stellt sich vor und gibt mir Anweisungen. So geht das 10 Mal. Ich öffne Türen, schließe Akten, beurteile den Krankheitsgrad von Verwundeten, fliege einen Kampfjet und hisse eine Fahne. Das klingt in der Erzählung vielleicht ganz aufregend, ist in Wirklichkeit aber jeweils eine Sache von einer halben Minute und daher eher frustrierend. Denn natürlich hört sich die Idee, mit einem Tablet und Kopfhörern in einer Art halb-virtuellen Welt herum zu laufen, zuerst einmal sehr spannend an. Bis auf ein paar kurze Effekte aber bleibt diese leblos und meine Aktionen in gewisser Weise auch sinnlos, da die Hintergrundgeschichten nur angerissen und Handlungen nur angedeutet werden. Hauptsächlich hetzt man durch die Räume, bleibt passiv und verhält sich, wie es einem die Stimme im Kopfhörer sagt. Ich fühle weder besonders mit den Charakteren mit, noch kann ich eine kritische Distanz zu ihnen aufbauen, um über das Thema zu reflektieren — dazu ist gar nicht genug Zeit. Primär bin ich damit beschäftigt herauszufinden, in welche Richtung ich als nächstes gehen soll. Wer bin ich gerade? Und wo überhaupt?

Vielleicht wäre es ohne Tablets besser gewesen. Nur zu Hören und die Räume wirklich wahrzunehmen, um darin stöbern zu können. Ein bisschen mehr Zeit für die Charaktere zu haben, ihre Anzahl vielleicht um die Hälfte zu reduzieren, damit man besser verstehen kann, wer da eigentlich spricht. Möglich, dass die Idee genau war, die Personen eben nur anzuschneiden, um die Undurchdringlichkeit der Waffenindustrie zu porträtieren und ein Ohnmachtsgefühl herzustellen. Wobei die Frage dann wäre: Fühle ich mich nicht schon ohnmächtig genug in einer Welt, in der ich die vielen Verstrickungen von Politik, Wirtschaft und Waffenindustrie ohnehin nur schwer zu begreifen vermag? Wie viel Ohnmachtsgefühl brauche ich noch?

 

 Sophia Hembeck studiert Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Vorher hat sie Theater- und Medienwissenschaft in Bochum studiert und mit einem Bachelor of Arts abgeschlossen. Nebenbei ist sie Bloggerin und Podcasterin.

Jörg Baumann ist freischaffender Fotodesigner mit Studio in Frankfurt am Main.
Als Absolvent der Hochschulle für Gestaltung Offenbach ist er seit 1998 spezialisiert auf maßgeschneiderte Fotoproduktionen für Unternehmen und Institutionen. Schwerpunkt sind dabei langjährige Kooperationen mit Kunstschaffenden der bildenden und darstellenden Künste sowie Kultureinrichtungen.