Dystopie

9. Februar 2015

Welches Kunstwerk hassen Sie am meisten?

  Text: Thiemo Bräutigam    Illustration: standpunktgrau  


Solange Jonathan Meese nicht gerade seine Hand zum Hitlergruß reckt, haben sich in Kunst- und Kulturkreisen eigentlich alle gern. Es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen und alle gehen Hand in Hand. Doch unter dem lieblichen Mantel der Einigkeit brodelt es. Wir lassen Menschen zu Wort kommen, denen es einfach reicht. Bühne frei für unsere Kategorie: Kunst hassen!

 

Liebe Kunstliebhaber,

ich hasse Eure Attitüde. Nein wirklich, dieses affektierte Gehabe, das Ihr an den Tag legt, ist unausstehlich. Es ist nicht so, als würde ich wirklich viel von bildender Kunst verstehen — aber ich tue auch nicht so. Bei jeder Ausstellungseröffnung ist es das gleiche Bild: Aufgetakelt, hip und extrovertiert wie Paradiesvögel kommt Ihr daher. Ihr kommt mir so sehr verkleidet vor, dass ich manchmal nicht sicher bin, ob ich gerade Zeuge von Performance-Kunst werde oder wieder nur den 11.11. verpasst habe. Aber damit nicht genug. Es reicht nicht, dass Ihr modisch zur Schau stellt, wie unglaublich individuell Ihr seid — und dabei nicht bemerkt wie homogen Ihr als Masse wirkt — Ihr drückt es jedem auch ungefragt mit Eurem Habitus auf.

Dieses „Ich-seh-mir-ein-fünf-Quadrameter-Bild-nochmal-aus-zwei-Zentimeter-Abstand-an“ — Wozu denn eigentlich? „Jaahaa, dann sieht man die feinste Struktur der Farbe und die Führung des Künstlers erst richtig“, wird mir gesagt. Ehrlich? Ich glaub‘ Euch kein Wort. Die Wahrheit ist doch die: Ihr habt das irgendwann mal auf 3Sat oder bei Arte in einer romantisch-verklärten Dokumentation über Gerhard Richter gesehen und glaubt jetzt, so Euer rudimentäres und in weiten Teilen vorgetäuschtes Kunstverständnis verstecken zu können. Und hey: Es funktioniert sogar! Ihr steht dann mit Euresgleichen vor so einem Bild, führt Euren Kunstkenner-Tanz auf, nickt Euch gegenseitig mit diesem „Wirklich-großartige-Kunst-Blick“ wissend zu — und alle sind glücklich. Keiner wird bloßgestellt, alle gehören dazu. Aber wehe, es wagt jemand diese Attitüde anzusprechen. Gar in den hohen Hallen der Kunst selbst! Hier hat ehrfürchtige Stille zu herrschen! Bei Gott, so eine Skulptur aus gegossenem Stahl und Beton könnte ja anfangen zu rosten, wenn man als Besucher auch nur zu stark ausatmet!

Überhaupt, diese Obrigkeitshörigkeit gegenüber Kunstwerken und dem musealen Verhaltenskodex. Kann mir bitte mal einer erklären, warum die Besucher einer Alexander Calder Ausstellung seine berühmten Mobiles nur unbewegt zu sehen bekommen? Klar, empfindlich und so — aber für ein Video, das diese Mobiles dann in Bewegung zeigt, brauche ich wirklich nicht ins Museum gehen. Doch Ihr schreitet nur ehrfürchtig an Ihnen vorbei, staunend und voller Anerkennung.

Liebe Kunstliebhaber, Eure Attitüde ist wie Mobiles, die sich nicht bewegen dürfen: vollkommen fehl am Platz.

 

„Ich hasse Schlager. Sobald Helene Fischer, Andrea Berg oder Udo Jürgens aus den Lautsprechern ertönen, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Nicht falsch verstehen, ich liebe Musik, nur eben nicht den Schlager. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit der Musik das Älterwerden assoziiere und deswegen generell eine Abneigung gegen sie habe, vielleicht schlagen unsere Rhythmen aber auch einfach nur nicht im selben Takt.“ — anonym

 

„Ich hasse Künstler, die erkannt haben, dass Authentizität gut ankommt und die dann mit diesem Wissen schlimme Sachen machen. Bands wie Frei.Wild sind einfach doll dumm, nicht ‘super authentisch’.” — Tom Thöne

 

„Ich hasse Till Schweiger dafür, dass er glaubt mit einem einfachen Gelbfilter den deutschen Film revolutionieren zu können.” — Nina W.

 

„Wo Intoleranz als vermeintlich kirchliches Erbe, wo Demokratiefeindlichkeit und Elitwahn zusammenkommen, denke ich an diesen Tagen nicht zu allererst an Wladimir Putin – sondern zuvörderst an die hartherzig scharfrichtende Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff, die den Armen jede Würde, den nicht konventionell Gezeugten jede Menschlichkeit und ihrem einst zahlreichen, nun immer weiter schrumpfendem Publikum die Barmherzigkeit versagt.” — Jan Drees

 

„Ich verstehe monochrome Kunst nicht. Ich war im Museum in Basel und sah ein schwarzes und ein rotes und ein gelbes Bild und habe nicht verstanden, was das sollte. Der Rubens in der unteren Etage hat mir besser gefallen.” — Brigitta Ballauf

 

„Ich hasse (ui, welch harsches Wort) Manga und Anime in jeder Form und Ausführung.” — Laura Försch

 

„Ich hasse, dass im Fernsehen alles synchronisiert ist und dass deutsche streaming Seiten mir nicht die Möglichkeit geben, eine Serie zeitnah in der Originalsprache zu sehen. Ich möchte weder ewig warten, noch die synchronisierte Version sehen.” — Johanna F.

 

„Ich mag Joko und Klaas nicht. Ich finde sie nicht lustig und verstehe nicht,  wie man auf die Idee kommt, so etwas zu machen.” — Rosemarie Reiner

 

„Ich bin nicht einverstanden damit, dass Xavier Naidoo glaubt, mit Bibelreferenzen mehr Tiefgang in seine Liedern zu kriegen.” — Marina C.

 

„Ich hasse Kunsthandwerk vom touristischen Trödlermarkt. Obwohl die Intention der AnbieterInnen durchaus nachvollziehbar ist, entzieht sich mir das Verständnis für den Kauf von kulturellen Artefakten in touristischen Destinationen auf Kunsthandwerksmärkten. Nur um völlig aus dem Zusammenhang gerissene Gegenstände aus „exotischen“ Teilen der Erde dann vor seinen FreundInnen im eigenen Wohnzimmer präsentieren zu können. Völlig irres Konzept!” — Klaus Seltenheim

 

„Diese Sonnenblumen von Van Gogh sind wirklich hässlich. Es sind nur ein paar orange/gelbe Striche.“ — Jana Kaspari

 

„Ich sehe schon die aufgeregten, vor Empörung in die Luft gerissenen Arme: Ja, mir ist durchaus bewusst, dass man sich über Geschmack streiten kann, doch — und da gibt es jetzt keine zwei Meinungen — hört Geschmack auch irgendwo auf! Spätestens da, wo „Hotel California“ von „The Eagles“ beginnt, nämlich. Es gibt keinen Song in unserer — und von mir sehr geliebten — Popkultur, der mich wegen seiner gänzlichen Beschissenheit so unsachlich werden lässt, wie ihn. Es geht mir körperlich schlecht wenn ich ihn höre und er reiht sich auf meiner „Schlimme-Dinge-Skala“ noch vor „Loch im Kopf“, „Nierensteine“ oder „Atomkrieg“ ein. Ich hasse „Hotel California“ und jede in ihm enthaltene Frequenz! Und dafür stehe ich mit meinem Namen und jeder Faser meines Körpers.” — Felix-Emeric Toţa

 

„Ich hasse volkstümlichen Schlager. Nein. Stimmt gar nicht. Ich hasse diese Musik nicht. Aber ich bekomme Depressionen davon.” — David J. Becher

 

„Ein Hassobjekt: Miley Cyrus — das ist dieses KIND, das immer halb nackt die Zunge rausstreckt weil es sein niedliches Hannah-Montana-Lächeln leider an den Teufel verkauft hat – wird auf der amerikanischen Art Basel hoch gehandelt. Boooooh!” — Anna Döbbelin

 

„Ich mag die Frauenkirche nicht, weil es nur ein 1:1 Modell der Kirche am selben Ort ist und somit nichts mehr mit der ursprünglichen Kirche zu tun hat.” — Moritz Kirk

 

„Der Eiffelturm ist als Kulturgut völlig überbewertet. Es ist auch nur ein großes Eisengerüst, welches jetzt auch noch mehrmals abends für fünf Minuten wild blinkt.” — Jens Böttcher

 

 

Thiemo Bräutigam (*1987) studierte Nachhaltigkeitswissenschaften an der Universität Lüneburg. Er war Lokalreporter bei der Landeszeitung für die Lüneburger Heide und schreibt heute regelmäßig für das Online-Magazin WiWo Green der WirtschaftsWoche in Düsseldorf. Außerdem ist er Blogger für Das Innovationsblog, unterstützt Tonic – das Magazin für * und hat einen Kulturverein gegründet.