Dystopie

9. Februar 2015

Vom Versuch, die Schönheit in die Politik zu tragen

  Text: Daniel Deppe    Foto: Ruben Neugebauer — Zentrum für Politische Schönheit  


Am 9. November 2014 war es wieder da, das Knistern der Zeit, das immer dann zu hören ist, wenn sich Kunst und Politik in der Arena des Tagesgeschehens gegenüber stehen. Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) hatte zu seiner Aktion Erster Europäischer Mauerfall aufgerufen. Erklärtes Ziel war der Abbau der Außengrenzen der Europäischen Union, die das ZPS, selbsternannter „Inkubator der politischen Aktionskunst“, als Sinnbild für die fehlgeschlagene Asylpolitik der EU-Staaten sieht.

An diesem Sonntag, 25 Jahre nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze, erreichten zwei Fernbusse mit etwa 100 ZPS-Aktivisten den bulgarischen Ort Lessowo. Im Gepäck: Bolzenschneider und Akkuschrauber. Ebenso im Gepäck: 14 Kreuze in Gedenken an die Toten der Berliner Mauer, die die Unterstützer der Aktion wenige Tage zuvor am Berliner Spreeufer abmontiert hatten. „30.000 Tote forderten die EU-Außenmauern seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die Gedenkkreuze flüchteten vor dem Oktoberfestgedenken zu Menschen, deren Leben durch die EU-Außenmauern akut bedroht ist und erweiterten dadurch das selbstbezogene deutsche Gedenken um einen entscheidenden Gedanken: die Gegenwart.“, so das Zentrum für Politische Schönheit auf seiner Webpräsenz.

Die Aktion scheiterte, als sich die bulgarische Polizei dem Kunst-Kollektiv in den Weg stellte; die Reaktionen aber hallten nach. Kulturstaatsministerin Monika Grütters nannte die Entwendung der Kreuze einen „respektlosen Akt gegenüber dem Gedenken der Mauertoten“. Bundestagspräsident Norbert Lammert sprach der Aktion eine pseudohumanitäre Begründung zu, die man für blanken Zynismus halten müsse. Erneut wurden die Gräben aufgezeigt, die Kunst und politisches System trennen und zeitgleich charakteristisch für eine pluralistische Gesellschaft sind. Das Zentrum für Politische Schönheit schreibt ein neues Kapitel in der Fehde und muss sich wie alle Vorkämpfer die Frage stellen lassen: Wie weit darf Kunst gehen?

Philipp Ruch, Intendant und „Chefunterhändler“ des ZPS, verfolgt mit Aktionen wie Erster Europäischer Mauerfall einen „aggressiven Humanismus“, der die deutsche Politik aus dem moralischen Scheintod befreien soll. Ziel des ZPS sei es, der Politik aufzuzeigen, was sie brauche, um gut zu werden: Mut, Visionen, Vorstellungskraft und Schönheit.
Ästhetik spielt in der Dramaturgie des ZPS eine wesentliche Rolle. Rußverschmierte Gesichter, adrette Anzüge, prägnante Gestik und Mimik — die ästhetische Komponente des Widerstands äußert sich auch im Auftreten der Protagonisten. Die Schönheit als zentrales Element des Kunstsystems ist es also, die das ZPS in das politische System tragen will. Politik soll sich dem ästhetischen Code und der Handlungslogik der Kunst bedienen, um moralischer zu werden.

Seit es institutionalisierte Macht gibt, beschäftigt sich das politische System mit seinem Umgang mit künstlerischem Wirken. Selbstverständlich ist die Freiheit der Kunst in der heutigen Zeit zentraler Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft. Die moderne Kulturpolitik wird facettenreich zur Schaffung von Rahmenbedingungen von Kunst und Kultur eingesetzt. Ihre Bedeutung für die gesellschaftliche Teilhabe, als gesellschaftspolitischer Motor, sollte dabei auf keinen Fall unterschätzt werden.

Seit es künstlerisches Wirken gibt, nehmen Kunstschaffende Bezug auf politische Prozesse. Peter Weiss stellt in seinem bahnbrechenden Hauptwerk Die Ästhetik des Widerstands jene Verknüpfung her und stellt die Kunstgeschichte auch als Geschichte des Widerstands gegen Totalitarismus dar. Hier dockt das ZPS an und greift Weiss‘ „ästhetischen Widerstand“ auf. „Kunst muss weh tun, reizen“, erläutern die Aktivisten ihren Kunstbegriff. Doch wie groß ist die Wirkung des ZPS auf die Politik?

Gering, wenn man die Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann heranzieht. Laut Luhmann kommuniziert ein System A auf Basis von Codes, die ein System B lediglich als Reize aus einer ihm fremden und komplexen Umwelt empfängt. Diese Reize werden von System B sinnhaft auf Basis seines eigenen Codes verarbeitet. Die Verarbeitung dient nicht zuletzt der Verringerung von Komplexität. Sendet das Zentrum für Politische Schönheit als Teil des Kunstsystems Reize in Richtung des politischen Systems, erfolgt eine Reaktion über den Code „Macht“. Für das politische System ist der Machterhalt das zentrale Kriterium, an dem die Verarbeitung dieser Irritationen ausgerichtet wird. Luhmann zufolge werden die Reize, die das Zentrum für Politische Schönheit in Richtung Politik aussendet, systemimmanent verarbeitet. Zu einer Öffnung hin zum Kunstsystem respektive einer Annäherung der beiden Systeme kommt es nicht, sofern die gesellschaftliche Majorität für die Machthabenden nicht gefährdet scheint.

Der systemtheoretische Zugang ist in Gänze und für die Einzelfallbetrachtung nicht vollends tragfähig, bietet aber einen Analyseansatz, der aus seiner Statik gelöst werden sollte. Bereits durch den Begriff „politische Kunst“ wird signalisiert, dass das Kunstsystem seine gesendeten Reize sehr wohl und ganz bewusst auf das politische System ausrichtet, um eine Wirkung zu erzielen. Zentral für die Bestimmung der Einflussmöglichkeiten ist folglich, wie zielgerichtet politische Kunst ist und ob sie nur auf eine simple Provokation setzt oder eine Enthüllung verfolgt und Assoziationen hervorruft.

Fluxus war Anfang der 1960er Jahre eine Kunstrichtung, welche die Fokussierung auf den schöpferischen Akt als Initialpunkt künstlerischen Schaffens verfolgte. Ziel der Bewegung war es, die Kunst auf alle Bereiche des Lebens auszuweiten, was eine Kritik am vorherrschenden, elitären Begriff des Kunstwerks beinhaltete. Das Leben sei ein Kunstwerk, und das Kunstwerk sei Leben, so der US-amerikanische Performance-Künstler Emmett Williams zur Quintessenz von Fluxus.

Joseph Beuys, der sein eigenes Wirken durchaus als Teil der Bewegung sah, aber einen ihm eigenen Fluxus-Begriff betonte, prägte später das Zitat „Jeder Mensch ist ein Künstler“ . Wie ein Künstler auch Politiker sein kann, erprobte er seit Ende der 1960er Jahre in diversen Konstellationen; zunächst als Gründer der Deutschen Studentenpartei, später als Kandidat der Grünen für das Europäische Parlament. Seine politischen Ambitionen verfolgte er nicht zuletzt, um Alternativen zum Staat zu geben, den er in seiner damaligen Verfasstheit als „Feind des Menschen“ bezeichnete. Mit dem Konzept der Freien Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinärer Forschung, die autonom vom Staat agieren und eine von vielen konkurrierenden Bildungseinrichtungen sein sollte, war er dem damaligen Zeitgeist in der verkrusteten Bundesrepublik weit voraus.
Das Scheitern von Beuys‘ politischen Ambitionen kann letztlich auch als Kapitulation der Kunst vor den institutionalisierten Handlungslogiken des politischen Systems gesehen werden. Die Durchsetzung von Regeln und Gesetzen erfolgt in eben jenem System auf der Basis von Macht. Beuys und auch der Kunst blieb und bleibt letztendlich nur die Rolle als Impulsgeber vorbehalten.

Mit dieser Erkenntnis änderten sich auch die Wirkungsfelder der politischen Kunst. Heutzutage, so zeigt auch die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit, ist der direkte Weg in die politischen Institutionen — auch nach den Erfahrungen des Vorreiters Beuys — nicht mehr verlockend, denn der tatsächliche Einfluss, der durch eine „Unterwanderung“ erzielt werden kann, ist als gering einzuschätzen. Kraft entfaltet das Kunstsystem vor allem dann, wenn es in seinen systemischen Grenzen agiert und die Handlungsmuster des politischen Systems spiegelt. Kraft, so zeigen die Entwicklungen seit den 1960er Jahren, kann politische Aktionskunst vor allem dann entfalten, wenn sie in erster Linie evoziert statt provoziert. Je näher politische Kunst also der Handlungslogik des politischen Systems kommt, je evokativer sie den Machtanspruch des „Gegenspielers“ infrage stellt, desto widerständiger ist sie.

Die Kunst wird zu einer eigenen Form des Politik-Machens innerhalb des Kunstsystems, folgert der deutsch-französische Journalist Alain Bieber: „Manche Künstler legen den Finger in die Wunde, manchmal werden Fragen gestellt, die sonst niemand stellt, und manchmal werden konkrete Lösungen angeboten.“ Dabei steht nicht mehr die tatsächliche Einflussnahme auf das politische System, sondern das Aufzeigen von gesellschaftlichen Utopien und das Schaffen einer „Alternativwelt“ im Vordergrund. Künstler schlüpfen in unterschiedliche Rollen und sind Stadtplaner, Philosophen und Umweltaktivisten. Oder Mahner der Menschenrechte, so wie das Zentrum für Politische Schönheit.

Christoph Schlingensief verstand seine Rolle als politischer Aktionskünstler wie kein anderer. Er wies auf die sich ausbreitende Fremdenfeindlichkeit in Europa hin, indem er Jörg Haider zitierte und Asylbewerber – in Nachahmung der Fernsehshow Big Brother – aus dem Land „wählen“ ließ. Als er vier Millionen Arbeitslose einlud, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, provozierte er die Kohl-Regierung gezielt am favorisierten Ferienort des Altkanzlers. Schlingensief gelang es, den Nerv gesellschaftlicher Debatten zu treffen, mediale Perversion und politische Inhalte gekonnt auszuspielen und mit seinen Aktionen Teil der politischen Kultur der Bundesrepublik zu werden. Er war ein großartiger Evokateur und durchbrach stetig das Raster der Provokation. Und das Zentrum für Politische Schönheit?

In Zeiten, in denen Vermarktung das höchste Gut ist, fällt es schwer, politische Inhalte zu platzieren. In Zeiten, in denen es schwer ist, politische Zusammenhänge durch die undurchsichtige Brille der globalen Verflechtungen zu vermitteln und in denen die Politikverdrossenheit anwächst, muss es eine meinungsstarke und moralische Opposition geben, die jedem Einzelnen einen Ausbruch aus festgezurrten Denkstrukturen bietet. Politische Veränderungen gehen mit gesellschaftlichen Veränderungen einher. So ist es letztlich der parlamentarischen und außerparlamentarischen Opposition — zu der auch das Kunstsystem gezählt werden kann, vorbehalten — neue Mehrheiten zu generieren und eigene Ideen in den politischen Entscheidungsprozess zu tragen. Dies kann eine strukturelle Veränderung, eine Moralisierung und eine Verschönerung der politischen Sphäre, wie sie das ZPS fordert, beinhalten. Dies erfordert allerdings auch Antworten zu geben und Lösungen aufzuzeigen. Auch hier darf die Kunst sich einsetzen, auch hier darf sie die etablierte Politik reizen, ihre Standpunkte zu überdenken.

„Mit Kunst die Gesellschaft hacken“, wie es das ZPS plant, gelingt nicht ohne die Ausübung von (Meinungs-) Macht. „Wer Politik betreibt, erstrebt Macht“, sagte Max Weber (1919). Wer die Schönheit in die Politik tragen will, benötigt Meinungsmacht, könnte es mit Bezug auf das Zentrum für Politische Schönheit heißen. Bisher bleibt das ZPS eine Erklärung schuldig, wie sie diese eingeforderte Macht einsetzen und aus dem Knistern ein laut hörbares Knacken machen will. Wenn es diese Lösungen aufzeigen kann, dann kann sich der „Inkubator der politischen Aktionskunst“ kräftiger entfalten, dann ist die Schönheit zumindest mit einem Zeh im politischen System angekommen.

 

Irgendwann hat Daniel Deppe Prioritäten gesetzt und die Mitgliedschaft im BVB-Fanclub Desenberg gegen eine in der Kulturpolitischen Gesellschaft getauscht. Wenn er nicht gerade Kulturjobs unter die Leute bringt, schreibt er für das fancy Fanzine Nillson. Von Zeit zu Zeit vermisst er den Veddeler Spreehafen und muss die Frage beantworten, wie sie denn nun wirklich ticken, die Ostwestfalen.

Ruben Neugebauer ist Fotojournalist aus Berlin, mit einem Schwerpunkt auf sozialen Kämpfen, Migration und Umweltthemen. Seine Arbeiten wurden unter Anderem für das UNICEF Foto des Jahres nominiert.  Die Arbeit mit dem Zentrum für politische Schönheit ist für ihn eine Art Antidepressionsprophylaxe.

Literatur
Bieber, Alain: Gesellschaftliche Utopien. Oder: Wie politisch ist die Kunst?.
Bitzer, Dirk: Kultur. Kunst = Politik.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie.
Poetter, Jochen: Kunst im 20. Jahrhundert.
Ruch, Philipp: Was ist politische Schönheit? Die Zukunft als Nährboden der höchsten Form aller Künste: Politik. Ein Essay.
Schmidt, Volker: Kaputt gemacht, kaputt gelacht. 50 Jahre Fluxus.
Weber, Max: Politik als Beruf.
Weiss, Peter: Die Ästhetik des Widerstands.