Utopie

9. Februar 2015

Gute Kritik? — „Gibt es nicht mehr.“

  Text: standpunktgrau    Foto: standpunktgrau  


Freitag, 10 Uhr, Ebertbad Oberhausen. Um uns herum wird gefegt, die Kaffeemaschine läuft zum ersten Mal durch. Wir bringen Gerburg Jahnke Blumen mit, die sie in einer improvisierten Vase abstellt. Frau Jahnke raucht und ist sehr wach: Schon Nachrichten gehört? Ist social freezing ein Thema für unsere Lebensplanung? Ach, die haben nicht mal das richtige Frostschutzmittel.

standpunktgrau: Sie haben Kunst und Germanistik an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, wo Sie auch Ihr erstes Staatsexamen gemacht haben. Lehrerin sind Sie dann doch nicht geworden. Warum?

Gerburg Jahnke: Ich bin ja dann so etwas Ähnliches geworden. Aber während des Studiums habe ich an verschiedenen Schulen gearbeitet und wurde dort eingesetzt wie eine richtige Lehrerin. Das habe ich eine Weile gemacht und dann festgestellt, dass ich diese Diskrepanz zwischen Lehrplan-Kollegium-Schülerrealität nicht aushalten werde. Ich wäre eine dieser frustrierten, ständig betrunkenen Kunst- und Deutschlehrerinnen geworden, die Existentialismustheorien verbreiten und Sozialismuslieder singen. Auch eine ganz interessante Figur, aber nicht für mich.

Die nächste Station wurde das Zentrum Altenberg in Oberhausen, in dem Gerburg Jahnke arbeitet und in einer Frauentheatergruppe spielt. Unter den Darstellerinnen ist bereits Stephanie Überall, mit der sie später das Kabarettduo Missfits gründen wird. Die beiden spielen Straßen- und Kindertheater („gut bezahlte Jobs, grauenhafte Arbeit“) und schreiben ihr erstes Programm im Auftrag der Gleichstellungsstelle Oberhausen zu Männer- und Frauensprache. Das Projekt wächst, irgendwann kann die Miete bezahlt werden.

Heute führen Sie Regie im Ebertbad und moderieren für die ARD die Sendung Ladies Night. Würden Sie sagen, dass Sie Kunst machen?

Ich sehe mich als Künstlerin — etwas Richtiges kann ich nicht: Ich bin eine ganz schlechte Kellnerin, ich kann nicht kochen, man sollte mir kein Geld geben. Putzen kann ich ganz gut, ich wäre eine ziemlich gute Putzfrau.

Diese Eigenschaften sind ja zumeist allen studierten Geisteswissenschaftler zueigen. Wann kommt aber die Kunst hinzu?

Die Kunst kann einen in jedem Moment ereilen. Ich werde manchmal nachts wach und mich packt die Kunst. Für mich ist das eine Arbeitsweise, die sich durch mein Leben zieht: Du beobachtest etwas, und wenn Du glaubst, es verstanden zu haben, übersetzt Du es in eine andere Sprache mit dem Ziel, etwas Eigenes zu schaffen. Du setzt nicht nur einen Kommentar oder ein paar Anführungsstriche, Du schaffst eine eigene Welt, die Deiner sehr speziellen Auffassung entspricht.
Das Gleiche machen bildende Künstler, wenn sie Bilder malen oder Plastiken schaffen, und ich mache auf der Bühne nichts Anderes: Ich suche nach Geschichten. Dann versuche ich die Essenz herauszukochen. Im Idealfall merkt der Zuschauer beim Lachen, wie absurd viele Dinge sind, die man in seinem Alltag für so wichtig hält. Ich denke, alle Künstler und Künstlerinnen arbeiten ähnlich. Insofern würde ich mich als Künstlerin bezeichnen. 

Ist das ihre Kunstdefinition? Kunst ist Geschichten zu erzählen und in die eigene Sprache zu übersetzen? Ja, sagt Gerburg, und wie wenig sie deswegen Monochromie leiden kann: Warum malt jemand jahrelang einfarbig und traut sich nicht Statements abzugeben, die Leute verstehen? Genauso kann es mit dem Wort sein: Humor ist wichtig und Witz muss nicht unter die Gürtellinie gehen. Die ganz Großen schaffen es, das Banale, das Alltägliche und das Hochkomplizierte miteinander zu verbinden.

Wer wäre ein ganz Großer?

Ein Beispiel wäre Dieter Hildebrandt, der 2013 verstorben ist. In seinen letzten zehn Jahren ist er zu Höchstform aufgelaufen: Er bekam eine satirische Alltagsmilde, wurde immer böser und konnte am Ende nur noch darüber lachen, dass sich nichts verändert.

Und wer ginge gar nicht?

Da möchte ich keine Namen nennen, aber es ist nicht Mario Barth. 75 000 Leute ins Berliner Olympiastadion zu bekommen, das musst Du erst einmal schaffen. Es wäre naiv zu sagen, da standen 75 000 Idioten. Es zeigt, dass seine Leichtigkeit der Geschichten ein großes Publikum anzieht. Und es ist eine Kunst mit einer Geschichte, die einen Inhalt von 2 Minuten hat, 15 Minuten Comedy zu machen. Ich will eher den Horden junger Comedians nicht zuhören, die ihre Sets alle mit „Ach, ich war letztens beim Urologen“ beginnen. Ich möchte mich nicht mit den haarlosen Eiern junger Männer beschäftigen. Aber wenn die Jungs weiter auf die Weide gehen, werden auch sie sich weiterentwickeln.

Setzen Sie sich mit den Kritiken zu Ihren Stücken auseinander?

Es gibt kaum noch gute Kritiker. Die Zeiten sind vorbei, in denen man sich ernsthaft mit einer Kritik auseinandersetzen musste, weil jemand etwas schreibt, das wirklich nachdenkenswert ist. Die Medienlandschaft ist viel undifferenzierter geworden. Dieses WAZ-NRZ-Konglomerat im Ruhrgebiet ist zum Kotzen. Da gibt es überhaupt keine wahren Journalisten mehr! Man liest kaum noch fundiert Recherchiertes. Das ist sicher auch in anderen Bereichen so, aber in der Kultur ist es besonders auffällig. Als Ladies Night vom Dritten in die ARD wanderte, haben überregionale Zeitungen berichtet — aber letzten Endes auch nichts, was mich zum Nachdenken gebracht hätte.

Welche kritischen Inhalte hätten Sie sich denn gewünscht?

Die Frage zu behandeln, warum es wichtig ist, dass ausschließlich weibliche Comediennes und Kabarettistinnen in einer Sendung gezeigt werden? Die Rolle der Frauen in dieser Kultur zu thematisieren. Warum gibt es immer noch sehr viel weniger bekannte Frauen im Kabarett? Warum haben Frauen immer noch größere Schwierigkeiten engagiert zu werden? Haben sie selber die Schere im Kopf? Diese Themen hätte ich in der Auseinandersetzung interessant gefunden und eine kritische Reflektion der Journalisten, ob unsere Sendung dazu angetan ist, diese Dinge zu verändern. Stattdessen habe ich eine Kritik gelesen, in der ein Typ beschrieben hat, welche Kleidung wir trugen, ob wir lange oder kurze Haare hatten und ob wir flache oder hohe Schuhe trugen!

Oberflächliche Kritiken mal ausgeklammert: Sind es eher die positiven oder negativen Kritiken, die Sie wichtig finden?

Wenn sie dezidiert stattfindet, setze ich mich mehr mit einer negativen Kritik auseinander. Die üblichen Lobhudeleien interessieren mich nicht mehr. Generell werde ich nicht kritisch und negativ rezensiert. Wenn ich jetzt am Theater Oberhausen ein Stück inszenieren würde, in dem vier nackte Frauen aus irgendwelchen Gründen mit Blut und Erbrochenem besudelt werden — da würde ich sehr interessante Kritiken bekommen. Ich hätte wirklich Lust so ein sinnentleertes, provokantes Stück zu schaffen, das dann die großen Fragen wie die Würde der Frau, des Menschen und des Geschlechtsteils behandelt und dann nur Form ist. Vielleicht finden sich Schauspielerinnen, die auch Lust hätten, das mitzumachen.

Wie subjektiv darf oder muss gute Kunstkritik sein?

Die Herstellung von Kunst ist ein subjektiver Prozess und ich finde, da darf und muss auch die Kritik subjektiv sein. Es geht ja immer um Kommunikation mit Deinem Bild, Deiner Plastik, Deiner Performance. Kein Kritiker kann sich auf Objektivität berufen.

Wir treffen Hajo Sommers („Ebertbadchef/Duohälfte und Fußball-Präsident“), der uns neuen Kaffee bringt. Nach ruhigeren Abenden bekommt Frau Jahnke viel E-Mail-Lob. Digitale Kommentare liest und beantwortet sie, auch wenn sie festgestellt hat, dass Gästebücher und Facebookseiten viel häufiger frequentiert werden.

Brauchen wir mehr Kritik aus der Bevölkerung, vom Publikum, von den Menschen, die es betrifft?

Das ist gefährlich, weil Leute sehr schnell ganz einfache Rechnungen aufstellen: Dieses Kunstwerk kostet 200 000 Euro und an der Schule meiner Tochter fehlt seit einem halben Jahr das Geld für den Sozialkundelehrer. Diese Ebene der Kunstdiskussion aus der Bevölkerung finde ich schwierig. Ich finde, da sollte auf einer fachlicheren Ebene gesprochen werden.

Wo liegt der Unterschied zwischen der Kunstkritik der Zuschauer und der des fachlichen Kritikers?

Ich würde da nicht wertemäßig unterscheiden. Wenn Leute an dem Abend mit einer besseren Stimmung herausgehen, als sie reingekommen sind, einen Gedanken haben, der neu ist, ihr Leben ein bisschen bereichert ist, dann hast Du als Künstler viel erreicht. Es kann sein, dass Leute das nur über das Lachen erfahren, über Empörung, aber dass sich etwas in ihnen bewegt, das ist wichtig.
Der Kritiker hat ja noch eine weitere Aufgabe, die der Analyse, die meistens nicht stattfindet. Kritiker sind prädestiniert dafür, Dinge zu schreiben, die der Leser nicht versteht. Wenn ich die K.WEST lese, habe ich immer den Eindruck, dass sie absichtlich in so einem elaborierten Code schreiben.

Wenn der Zuschauer auf seinem privaten Blog das Stück bespricht, ist das eine gute Form der Kunstkritik?

Erst einmal finde ich das super, wenn die Kommunikation und der Denkprozess nach dem Abend weitergehen. Es kann doch nicht schaden, wenn Menschen denken, oder? Ob sie in Blogs diskutieren oder am Tresen in der Disko — ich finde die Bewegung wichtig, weil sie den eigenen Horizont öffnen kann.

Wenn Sie sich auf die Bühne stellen, sind Sie sofort der Kritik der Zuschauer ausgesetzt. Haben Sie Anforderungen daran, was ein Zuschauer mitbringen soll oder sogar muss?

Das schließt an die erste Frage nach meiner Rolle an: Künstlerin oder Dienstleisterin? Das Publikum hat am Abend eine Erwartung. Sie kommen mit einem bestimmten Bild von mir herein und wollen eine diffuse Mischung aus dem, was sie kennen und komplett neuem Material sehen. Ein gutes Publikum animiert einen Künstler Dinge zu tun, die er nicht vorgehabt hat und die ihn selbst überraschen. Diese Entwicklungen sind die spannenden Momente und jeder im Raum spürt, dass gerade etwas völlig Ungeplantes und Neues passiert. Dafür braucht es die Bereitschaft von beiden Seiten, und manchmal treffen sich einfach eine Menge stiller Menschen.

Wo geht es jetzt für Gerburg Jahnke weiter? Sie überlegt das Rauchen einzustellen. Wir versuchen E-Zigaretten in verschiedenen Farben („Trotzdem eine ästhetische Zumutung!“) oder Pilates („Das ist Sport!“). Damit hat sie leider auch recht.

 

 

Die deutsche Kabarettistin Gerburg Jahnke ist durch verschiedene Bühnenprogramme und Auftritte über die Grenzen ihrer Heimatstadt Oberhausen bekannt: sie moderiert die Sendung  Ladies Night (ARD), schreibt eigene Bühnenstücke, reist mit  Frau Jahnke hat eingeladen durch Deutschland. Als Mitbegründerin der Missfits spielte sie jahrelang an der Seite von Stephanie Überall.