Dystopie

9. Februar 2015

Festgefahren zwischen Untergrund und Opernhaus

  Text:  Jan Fischer    Video: Jan Krämer  


Der Poetry Slam ist eine Kunstform, die eine Menge kann. Aber auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs entwickelt sie sich nicht weiter. Eine Bestandsaufnahme.

Als ich noch jung war, viel zu jung, so jung, dass es noch Videotheken in den Innenstädten gab, stand ich einmal in einer. Ich ging nach hinten, da, wo es erst blutig und dann sexy wurde für alle über 18, und schrieb Pornofilmtitel ab, um sie später am Abend bei meinem ersten Poetry Slam vorzutragen.
Ich hielt das für eine gute Idee.
Ich studierte in dieser kleinen Stadt, deren Name ich nicht nenne, im ersten Semester in einem dieser Schreibschulstudiengänge. Der Poetry Slam an dem Abend, an dem ich Pornofilmtitel abschrieb, war auch der erste seiner Art für die Schreibschulstadt. Ich dachte: So, jetzt zeig ich‘s euch mal, ich zeig euch, wie das geht.

„Dass man nicht weiß, wie es werden wird, ist alles andere als eine Banalität. Denn in der Ungewissheit steckt das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Literatur, die auf Bühnen performt wird. Poetry Slams sind Abende aus der Wundertüte. (…) In der Ungewissheit steckt aber noch mehr. Sie ist zugleich der geheime Mechanismus, der die Kreativität und Produktivität der Wort-Artisten aktiviert. Weil ungewiss ist, was aus einzelnen Auftritten und aus ganzen Abenden wird, nehmen alle Beteiligten billigend in Kauf, dass die Texte auch mal scheitern können”, schreibt Stephan Porombka, selbst ehemaliger Slammer und nun Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK in Berlin, in dem im Oktober 2014 erschienenen Rekapitulations-Band Die Poetry-Slam-Fibel: 20 Jahre Werkstatt der Sprache.

Meine Pornofilmtitel scheiterten. Möglicherweise auch, weil ich mich dafür entschied, sie rauchend, arrogant und auf einem Thekenhocker sitzend zu präsentieren, mit bedeutungsschwangeren Pausen zwischen den einzelnen Titeln.

„Der Slam ist”, schreibt Porombka weiter, „was die Amerikaner the school of hard knocks nennen. Die Schule der harten Schläge. Das Klassentreffen auf dem Bordstein.”
Was Porombka beschreibt, ist eine Art Idealbild des Slams — dynamische Texte, ständig im Fluss, im ständigen Experiment, und allein schon durch ihre Produktionsweise, durch ihre Vortragsweise, gegen die starre — weil gedruckte — Literatur aus dem Elfenbeinturm der hohen Künste gerichtet. Poetry Slam als Format für eine neue Literatur, die ihren Angriff auf starre, verkünstelte Formate von der Straße für die Straße formuliert. In einem anderen Text geht er sogar soweit: „Das Format Poetry Slam steht paradigmatisch für eine Entwicklung des Literaturbetriebs in Richtung Popularisierung und Eventisierung. Damit einher geht ein Funktionswandel der Literatur für die Gesellschaft, wie sich an der Slam Poetry ablesen lässt.“ Soweit der Romantiker.

 

Es gibt keine Szene

„Es gibt keine einheitliche Poetry Slam-Szene“, sagt Tobi Kunze, selbst erfolgreicher Slammer, der deutschlandweit, aber hauptsächlich in Hannover aktiv ist. Wir treffen uns in einem Laden namens Fiasko, ich trinke Bier, er isst eine mit Hack gefüllte Aubergine. Es gibt Protagonisten, die sich kennen, die sich immer wieder treffen, einen harten Kern, wenn man so will. Es gibt Formen, Verfahrensweisen, Regeln, Codes, Netzwerke und Austausch, es gibt etwas Gemeinsames: Den Poetry Slam. Darüber hinaus aber nichts.
„Die Slam-Szene“, schreibt auch der Slammer Sebastian 23 auf Slam2014.de, hat „keine gemeinsame Stoßrichtung, keine ‘programmatische Artikulation’ und keine Poetik.” Der Status des Poetry Slams, des „Veranstaltungsformats“, wie der Slammer Lars Ruppel es statt Kultur oder Kunstform genannt haben möchte, ist ein eigenartig schizophrener:
„Früher“, sagt Tobi Kunze, „war der Slam eher ein Wettstreit der Formen: Prosa, Lyrik, Dada-Poesie, Performance, die Formen waren klar abgegrenzt.“ Heute hätten die Formen sich vermischt: Texte seien ein „Allerlei“ aus verschiedenen Formen, in den 30 Jahren seiner Existenz (20 davon auch in Deutschland), hat der Poetry Slam sich mit ganz eigenen Verfahrensweisen von dem emanzipiert, was man so allgemein für einen literarischen Text hält – und hat aus dem Veranstaltungsformat heraus seine eigene Textform, sein eigenes Genre hergestellt: den Slam-Text eben. Genau deshalb, sagt Tobi Kunze, funktionieren die Texte audiovisuell, und bemerkt, dass es „schwierig sei, eine literarische Messlatte anzulegen“. Genau deshalb schreibt Lino Wirag, dass „die Frage nach der Essenz von Slam nicht die Frage nach seiner Literarizität sein kann. Literatur ist — dem Wortsinn nach — Schrift, präziser: Schriftlichkeit; Verschriftung. Slam aber ist über Schrift, unter Schrift: ihrer im Guten wie im Schlechten nicht bedürftig, ist stattdessen Körper, Stimme, Evidenz. Logozentrisch, somapetal. Slam gehört nicht zur Literatur –; er ist des Theaters“, genau deshalb gibt es unter vielen Texten in der erwähnten Poetry-Slam-Fibel einen QR-Code, der auf eine Videoversion des gerade gelesenen Textes verweist.

Trotzdem kreist die Poetry Slam-Debatte immer um die Frage, wie sich Slam Poetry zur — nie so ganz genau definierten, aber auf jeden Fall gedruckten — „Literatur“ verhält. „Denn obwohl die Slam-Szene durchaus den Charakter einer literarischen Bewegung hat, unterscheidet sie sich von genuin literarischen Bewegungen durch die Abwesenheit einer Poetik“, schreibt beispielsweise Boris Preckwitz in der Süddeutschen Zeitung — und wischt die nicht unwichtige Frage nach der Vortragsweise der Texte weg, um sie nie wieder zu erwähnen: „Stellenweise aber offenbart der von Slam-Poeten erklärte Vorzug der Mündlichkeit vor der Schriftlichkeit ein Strukturproblem. Vielen für den Live-Vortrag verfassten Texten eignet eine Unterkomplexität, die dem ungeschulten Ohr nicht bewusst wird.“
Wenn ich eine Präsentationsform habe, bei der ein schlechter Vortrag einen guten Text zunichtemachen kann, und ein guter Vortrag einen schlechten Text besser, dann ist die Kunstform, um die es geht, weder der Text noch der Vortrag — es ist beides. Das ist eine Binsenweisheit, die vielen Kritikern oft nicht in den Kopf geht.

 

Der Mainstream ist das Böse

2006 fuhr ich aus meiner kleinen Schreibschulstadt zu den deutschsprachigen Slam-Meisterschaften nach München, um genau das zu lernen.
Wir reisten zu fünft an, einer von uns machte in den Einzelmeisterschaften mit, ich selbst bei zwei, drei kleineren Randveranstaltungen (Erotik-Slam und Cover-Slam, wenn ich mich richtig erinnere). Zusammen traten wir noch mit einer Gruppenperformance an, die wir für brillant hielten, noch nie da gewesen, mit der wir sicherlich den Preis abräumen würden. Eine chorische Geschichte, ein luzider Hipster-Text, und am Ende prügelten wir uns mit den Mikroständern. Avantgarde, dachten wir.
Wir flogen in der ersten Runde raus.

Ein weiterer Kritikpunkt, der immer wieder aufkommt, wenn über Slam geredet wird, ist der, dass die Texte und Vorträge immer mehr auf das Publikum ausgerichtet werden, dass beide auf die Punkte der Jury hin gebaut werden und darunter nicht nur der Tiefgang der Slam Poetry leide, sondern dass dadurch auch der Slam in den Mainstream überführt würde. Dieser ist ja, wie man so sagt, das Böse.

„Muss jemand im Publikum einen Text bewerten, trifft er eine Entscheidung, die sich seiner Vermutung nach mit den Meinungen anderer Teilnehmer mehrheitlich deckt. Darin bestätigt der Slam mit seinem Prinzip der Publikumsabstimmung Erkenntnisse der Psychologie, wonach Menschen in der Masse mit verminderten kognitiven Fähigkeiten reagieren“ — so formuliert es Boris Preckwitz. Es gewannen Texte, Vorträge, an die ich mich nicht mehr erinnere — die aber, soweit ich mich erinnere, gedruckt nicht funktioniert hätten, als auf den Punkt choreografierte Vorträge dann aber doch. Mit einer Ausnahme waren es lustige Texte, oder solche, die lustig sein sollten. „Lachen“, sagt Tobi Kunze, „ist die am einfachsten zu erzeugende Emotion, die einfachste Überraschung.“

Die Randveranstaltungen in München fanden in der Schrannenhalle statt, direkt im Herzen der Stadt. Die Finalveranstaltungen in den Münchner Kammerspielen, es war bis auf den letzten Platz gefüllt.

 

Ansprüche aus dem Elfenbeinturm 

Interessant ist die Schizophrenie, die sich aus dem allen ergibt: Der Poetry Slam ist ein — auch wirtschaftlich — erfolgreiches Format, das der Literaturbetrieb versucht für sich zu vereinnahmen: Slammer sammeln Stadtschreiberstipendien ein, veröffentlichen bei renommierten Verlagen, werden von den Goethe-Instituten durch die ganze Welt geschickt. Slams werden zu öffentlich geförderten Literaturveranstaltungen, die in keinem Rahmenprogramm von irgendeinem Stadtevent fehlen dürfen, die in ausverkauften Theatern oder in altehrwürdigen, ebenfalls ausverkauften Opernhäusern stattfinden. Gleichzeitig lernt der Literaturbetrieb vom Slam: Porombka hat nicht unrecht, wenn er schreibt, dass der Slam ein Publikum anzieht, „das man für den Konsum von Literatur längst verloren geglaubt hat“. Ein Publikum, das sich mit der überkommenen Lesungskonstellation Tisch-Stuhl-Wasserglas-Autor nicht mehr befriedigen lässt.

Andererseits muss sich der Poetry Slam — oder besser: die Slam Poetry — mit ihrer zunehmenden Mainstreamisierung elitistische Vorwürfe aus dem Elfenbeinturm gefallen lassen, in dem man traditionell alles für suspekt hält, was publikumskompatibel, unterhaltend und mit wenig Reibungsfläche ausgestattet ist, wo alles, wofür man auch das Wort „Event“ hernehmen könnte, erst einmal mit Skeptizismus aufgenommen wird. Die Slam Poetry hat sich vom Literaturbetrieb vereinnahmen lassen und muss es sich dann auch gefallen lassen, wenn dieser Ansprüche an sie formuliert — auch und gerade mit ihrer Herkunftsgeschichte aus dem „Untergrund“, dem Ort, der diese Gegenentwürfe entstehen ließ.

 

90 Prozent von Allem

Anfang November 2014 saß ich beim Poetry Slam im Hannoveraner Opernhaus, und dachte an Sturgeon’s Law, eine im englischsprachigem Raum bekannte Gesetzmäßigkeit, die der Science-Fiction Autor Theodore Sturgeon 1958 formulierte: 90 Prozent jeder Kunstform sind Mist. Es sind diese 90 Prozent, die von den Gegnern dieser Kunstformen immer als Munition benutzt werden.
Beim Slam im Opernhaus ist es nicht anders: Ich möchte nicht das Wort Mist benutzen, das ist zu stark, vielleicht eher: Durchschnitt, nicht uninteressant, nicht interessant. Solide bis nett. Einmal lustig. 

Der Poetry Slam ist erfolgreich — ich musste mich nur im ausverkauften Opernhaus umschauen, um das zu sehen — und es ist leicht, sich auf dem Erfolg auszuruhen. Wenn die Leute kommen, in Strömen, warum dann etwas anders machen? Warum Rufe nach mehr Inhalt, nach mehr Tiefgang, nach weniger Comedy ernst nehmen, die aus einer Ecke kommen, in der 20 Lesungsgäste schon als Erfolg gewertet werden? Warum auf Kritik hören, die ganz offenbar das Format nicht verstanden hat und fast ausschließlich die Texte kritisiert?

„Im Poetry Slam haben sich immer alle lieb“, sagt Tobi Kunze. „Es gibt zu wenig Selbstkritik, zu wenig Kritik an den Texten der Slammer untereinander. Viele versuchen, Botschaften in ihren Texten unterzubringen, es gibt aber auch viel Kitsch, viel Geschwurbel.“ Der Poetry Slam steckt fest: In seinem eigenen Erfolg, der die Reproduktion von erfolgreichen Mustern stark begünstigt, er steckt fest im Mangel an qualifizierter Kritik von außen und dem Mangel an Kritik von innen. Denn auch wenn der Erfolg, das Hinüberlappen in den Mainstream an sich nichts Schlechtes ist — der Impuls, sich darauf auszuruhen und der Mangel an Stimmen, die diesem Impuls widersprechen, begünstigt Stagnation — auf zugegebenermaßen hohem Niveau. Und für eine kreative, künstlerische Form ist Stagnation nichts anderes als der erste Schritt zum Verblassen.

 

Reden wir nicht drüber

Ende November 2014 stand ich auf einer Bühne, direkt bei mir um die Ecke, Kulturzentrum Faust, alle Plätze waren belegt, selbst die, von denen aus man die Bühne nicht sehen kann. 200 Menschen waren das vielleicht, alle trugen Glowstick-Armbänder in allen möglichen Farben und schauten mich erwartungsvoll an. Science-Fiction-Slam, und ich stand das erste Mal seit 2006 auf einer Slam-Bühne.

„Wer je auf einem Poetry Slam war, der weiß: Am spannendsten ist dieser Moment, wenn der Master of Ceremony den nächsten Sprecher oder die nächste Sprecherin mit der nächsten Nummer angesagt hat”, schreibt Stephan Porombka in der Poetry-Slam-Fibel.

Ich sagte: „Mein Text hat keinen Titel”, und begann etwas von einem Außerirdischen Sexsklaven zu lesen.
Der Text schnitt ganz gut ab. Am Ende der ersten Runde war ich auf dem zweiten Platz.
In der zweiten Runde versuchte ich ein bisschen was Experimentelles. Ich landete auf dem letzten Platz.
Naja. Reden wir nicht weiter drüber.

 

Jan Fischer ist freier Autor und Journalist in Hannover. Er schreibt Prosa, die in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen ist und als Journalist hauptsächlich über Literatur, digitale Spiele und Theater, unter anderem für die WASD und nachtkritik.de. Außerdem ist er ein ausgezeichneter Luftgitarrist und wohnt im Internet.

Jan Krämer wurde in Oberhausen geboren, was nicht spurlos an ihm vorüberging. Seine Leidenschaft für das Filmen erkannte er bei 1,2 oder 3 und träumte immer davon Kamerakind zu sein. Dies blieb ihm jedoch verwehrt und er brauchte 14 Jahre, um das Trauma zu verarbeiten. Heute ist der Student, 29 Jahre alt und hat 2014/15 seinen ersten Dokumentarfilm gedreht.