9. Februar 2015

„Ein Pflaster, eine Narbe, eine Operation“:
Eine Einleitung zur Kulturnation.

  Text: Eric Jarosinski  


Hier ein Vorwort, das niemand schreiben wollte. Ich auch nicht. Aber ich fühlte mich dazu fast verpflichtet, da das schwierige Thema dieses Artikels „Kulturnation“ lautet. 

Dafür braucht man vielleicht notwendigerweise die Perspektive eines nicht ganz außen stehenden Außenseiters. Also, einer der sich einigermaßen auskennt, aber sich auch ein gutes Stückchen Narrenfreiheit erlauben kann. 

Das liegt wohl in der Sache selbst. Obwohl es mir nicht ganz klar ist, was genau „Kulturnation“ heutzutage noch heißen soll, scheint der Begriff nach wie vor eine Selbstbestimmung zu sein, die aber nicht als solche empfunden werden soll. Denn traditionsgemäß wird eine Kulturnation nicht gebaut, gebastelt oder gemanagt. Sie entsteht.

Aber klar: Genau wie ein Roman oder ein Gedicht hat sie eine Entstehungsgeschichte. Des Öfteren eine barbarische. Hier geht es also um Entwürfe. Misserfolge. Fehler. Überarbeitungen. Und derlei mehr. Aber sowas ziemt sich einer Kulturnation nicht, die den Namen verdient.

Als „amerikanischer Germanist und deutscher Aphoristiker“, so meine aktuelle Berufsbezeichnung in einer deutschen Zeitung, gehöre ich offenbar inzwischen zum ganzen Salat. Aber eben auch nicht. Deutschlanderfahrung plus Abstand plus Internet machen eine gewisse kulturelle und mediale Liminalität möglich, wie die Kulturwissenschaftler mal zu sagen pflegten. 

Dafür habe ich zugleich my own personal Kulturnation entdeckt. Sie ist ziemlich klein, günstig, unsexy und durchaus konkret. Nämlich: ein Reclam-Heftchen, jenes Stück des gelben Alltags eines Germanistikstudiums, das den viel und wenig aussagenden Titel Deutsche Aphorismen trägt. Darin befinden sich unzählige kurze Texte von hunderten deutschsprachigen Autoren – von Lichtenberg und Nietzsche bis hin zu Kraus und Canetti. Die Lektüre gehört inzwischen zum Beruf.

Zum Thema Kultur hat das Büchlein einiges zu bieten. Zum Thema Nation ebenso. Zum Thema Kulturnation auch noch, aber meistens nur zwischen den Zeilen, also dort wo die besten Aphorismen sich am liebsten entfalten.

Darin findet man solche dem Thema relevanten Schätze wie: „Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?“ (Lichtenberg). Und „Unschuld ist schön; Tugend ist ein Pflaster, eine Narbe, eine Operation“ (Rahel Varnhagen von Ense). Oder „Wir haben kollektiv beschlossen, individuell zu denken“ (Gabriel Laub).

Das Schöne am Aphorismus ist, dass er immer sowohl zu viel als auch zu wenig sagt. So wie die immer sehr ideologisch gestalteten und gestaltenden Begriffe Kultur und Nation eben auch. Vom Begriff Kulturnation ganz zu schweigen. Die Bewohner einer Kulturnation sind verbunden, durch Sprache, Tradition und Kultur. Aber wie viel Kommunikation bleibt in unserer Individualismuskultur?

Die folgenden Beiträge erzählen aber. Auch von diesem Schweigen. Seien Sie also bitte geduldig. Aber bleiben Sie wachsam. Lassen Sie die kleine komische Kulturnation, die in den sehr unterschiedlichen Texten entsteht, ruhig entfalten. Aber nicht ganz wegrennen. Denn sie hat für einiges zu haften. 

 

Eric Jarosinski is a #FailedIntellectual and an expert on modern German literature, culture, and critical theory. Cited as some of the best writing on the web, @NeinQuarterly is quickly approaching 100,000 followers on Twitter in over 100 countries. @NeinQuarterly also appears in a four-line print format, with its trademark scowl gracing the opinion page of Die Zeit. His first book, Nein. A Manifesto, will be published in 2015.