Dystopie

11. Mai 2015

Ein dringend notwendiger satirischer Blick auf das Jahr 2015

  Text: Horst, Hund und Brodt    Illustration: standpunktgrau  


Anfragen mit Artikelideen wie dieser erreichen die Autoren, wohl weil man es im Internet zu einer bescheidenen Bekanntheit, oder wie man heute sagt: Reichweite, gebracht hat, inzwischen fast wöchentlich. Die Autoren werden dabei in sehr ausführlichen Mails, die das Konzept eines inhaltlich anspruchsvollen Onlinemagazins, eBook-Projektes oder Kulturblogs darlegen, darum gebeten Beiträge zu diesem oder jenem Thema zu schreiben. 
Oft unerwähnt bleibt dabei anfangs die Tatsache, dass die durchaus engagierten Macher dieser inhaltlich anspruchsvollen Onlinemagazine, eBook-Projekte oder Kulturblogs mit ihren inhaltlich anspruchsvollen Onlinemagazinen, eBook-Projekten oder Kulturblogs selber kein Geld verdienen, und die Autoren daher mit ihrem Beitrag zu diesem oder jenem Thema ebenfalls kein Geld verdienen werden. Das macht die Autoren oft traurig, weil man als Autor naturgemäß nichts lieber macht als mit Beiträgen zu diesem oder jenem Thema Geld zu verdienen. Auch weil Vermieter und Lebensmittelhändler naturgemäß nichts lieber machen als mit der Vermietung von Wohnraum oder dem Verkauf von Lebensmitteln Geld zu verdienen. Traurig googeln die Autoren daraufhin die inhaltlich anspruchsvollen Onlinemagazine, eBook-Projekte und Kulturblogs und stellen noch viel trauriger fest, dass sich entweder für inhaltlich anspruchsvolle Onlinemagazine, eBook-Projekte oder Kulturblogs niemand richtig interessiert oder es die Menschen im Internet einfach nicht so gut zeigen können.
 
Die Autoren fragen sich dann oft, was sie selbst eigentlich davon haben, jetzt so einen Beitrag zu diesem oder jenem Thema zu schreiben für so ein inhaltlich anspruchsvolles Onlinemagazin, eBook-Projekt oder Kulturblog, das entweder niemanden so richtig interessiert oder nur Menschen, die es einfach nicht so gut zeigen können, und wie sie das wieder ihrem Vermieter oder Lebensmittelhändler erklären sollen, der schon seit Jahren kein Interesse daran hat, Beiträge zu diesem oder jenem Thema als alternatives Zahlungsmittel anzuerkennen. Dabei hatte sich in der ausführlichen Mail, die das Konzept des inhaltlich anspruchsvollen Onlinemagazins, eBook-Projektes oder Kulturblogs erklärt hatte, doch alles noch so gut angehört.
 
Manchmal schreiben die Autoren dann aus Mitleid einen Beitrag zu diesem oder jenem Thema, weil ja mit Kultur sowieso niemand mehr Geld verdient, heute nicht und in Zukunft erst recht nicht, und irgendwie doch auch alle im gleichen Boot sitzen, die Autoren und die Macher inhaltlich anspruchsvoller Onlinemagazine, eBook-Projekte und Kulturblogs jedenfalls, die Vermieter und die Lebensmittelhändler eher nicht, die haben ihr eigenes Boot.
 
Und während an dieser Stelle ein dringend notwendiger satirischer Blick auf die Auswirkungen von TTIP und den Untergang der Kultur im Jahr 2020 stehen könnte oder sollte oder vielleicht sogar müsste, blicken die Autoren nur traurig in die unendliche Weite des eigenen Kühlschranks und machen sich so ihre Gedanken über Selbstausbeutung im digitalen Prekariat, Gratismentalität im Internet, den Untergang der Kultur im Allgemeinen und wie weit der schon fortgeschritten ist und ob es TTIP für den letzten Rest überhaupt noch braucht.

 

 

Horst, Hund und Brodt leben und arbeiten in Berlin. Nach dem Überraschungserfolg ihres Gedichtbandes „Das Grau, die Tage“ haben sie einige unbezahlte Beiträge zu diesem oder jenem Thema geschrieben. Seit Ende März sind sie wieder zahlende Abonnenten einer Tageszeitung.