Dystopie

9. Februar 2015

Die Lange Nacht der Museen als sinnentleerter Selbstläufer

  Text: Christian Saehrendt    Foto: standpunktgrau  


Kunstmuseen befinden sich heute in scharfer Konkurrenz zu anderen Freizeitangeboten. Sie haben sich in den letzten Jahren rasant verändert, um in dieser Hinsicht wettbewerbsfähiger zu werden. Kampagnen wie die seit 15 Jahren praktizierte Lange Nacht der Museen, ein zielgruppengenaues Kunstvermittlungsangebot sowie ausgedehnte Gastronomie- und Shoppingzonen sollten ein größeres und vielfältigeres Publikum ins Museum locken — Zeit für eine Bilanz.

Die Museumsnächte dienten dem Ziel, ein eher kunstfernes Publikum mit Wein, Gesang und Spektakel anzulocken. Erfunden in Berlin, breitete sich das Konzept in rasender Geschwindigkeit in ganz Europa aus. Umso größer war die Verstörung, als die Stuttgarter Staatsgalerie im Jahr 2013 aus der dortigen Museumsnacht ausstieg. Die Direktorin Christiane Lange erklärte dazu: „Es ist ein mittlerweile in die Jahre gekommenes Konzept. Laut Veranstalter ist das Format in allen Städten ein Erfolgsmodell. Bei genauerem Hinsehen wird der Erfolg jedoch nur durch die Einbindung von immer neuen nichtmusealen Orten und von Theater, Musik sowie Massenpartys gewährleistet.“ Frau Langes Offenheit ist die Ausnahme  sonst klagen Museumsleiter nur hinter vorgehaltener Hand über den Zwang zum Event. Es sei kaum noch möglich, sich dem Massenspektakel zu entziehen, ohne elitär zu wirken. Auch Künstler haben nichts vom Eventpublikum, das ihre Werke allenfalls im Vorbeigehen flüchtig wahrnimmt. Zudem vermittelt die Museumsnacht ein verzerrtes Bild: Die vom Event angelockten Erstbesucher könnten glauben, dass dort täglich dieser bunte Strauß an Amüsements auf sie wartet. Doch wenn sie dann an einem normalen Öffnungstag wiederkommen, sehen sie nur Kunst! Analysen der Langen Museumsnächte in Berlin haben ergeben: „Auch wenn der erwartete Gewinn neuer Besucher in den Staatlichen Museen Berlins minimal ausfiel, zeigt sich doch klar die Motivation des angestammten Publikums, im Rahmen der langen Nächte neue Museen kennen zu lernen.“ Immerhin hat sich das Stammpublikum gut unterhalten  und vielleicht liegt der Sinn der langen Nächte eher darin, den bereits überzeugten Museumsbesuchern und Kunstvereinsmitgliedern eine heitere und spannende Abwechslung zu bieten, damit sie „ihr“ Museum einmal mit anderen Augen sehen.

Als Wunderwaffe des Museumsmarketings wird gelegentlich die Ausweitung der Konsumzone genannt. Seit Shopping-Mall-Betreiber die Methode eingeführt haben, durch gastronomische Angebote potenzielle Kunden länger in den Einkaufszentren zu halten, damit sie nach dem Essen noch mehr einkaufen und nach dem Einkaufen noch mehr essen, gilt die Gastronomie auch unter Kulturmanagern als Umsatzverstärker und Wohlfühlfaktor. Bei Besucherbefragungen kam die interessante Tatsache zum Vorschein, dass das Verkaufsgespräch im Shop für viele Besucher der einzige persönliche Kontakt mit einem Mitarbeiter während des Museumsbesuchs war. Merchandise-Artikel ergänzen oder ersetzen den traditionellen Katalog, der in vielen Fällen immer theoretischer, dicker und schwerer geworden ist. Dick, schwer und schwerverständlich sind Kataloge deshalb, weil es zum heutigen Standard gehört, eine Ausstellung mit möglichst vielen kunsttheoretischen Texten akademischer Autoren und Autorinnen aufzuwerten, zudem werden viele Aufsätze in englischer und deutscher Variante abgedruckt. Hingegen dienen die haptisch erfahrbaren Merchandise-Artikel der emotionalen Bindung an das Haus.

Kunstmuseen und Kunstvereine in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland haben in den letzten Jahren beeindruckende Versuche unternommen, ein breiteres Publikum anzusprechen, die Häuser gegenüber ihrem sozial-geografischen Umfeld zu öffnen und stärker in Stadt und Gemeinde zu vernetzen  pro forma gehörte dies auch zu den Zielen der Museumsnächte, blieb dort jedoch ohne langfristige, empirisch belegbare Wirkung auf die Bewohner der Nachbarschaft und auf das Stammpublikum anderer Institutionen, weil die Museumsnachtsprogramme nicht spezifisch genug waren und keine nachhaltige Bindung zum veranstaltenden Museum erreicht wurde. Gleichzeitig ist es eine Notwendigkeit, gezielt bestimmte Besuchergruppen jenseits des Bildungsbürgertums anzusprechen, das aus bildungspolitischen und demografischen Gründen dahinschwindet. Kinder und Jugendliche werden durch spezielle Programme angesprochen, wie etwa den Kinderclub des Züricher Kunsthauses oder das Programm „Augen auf“ im Kunstmuseum Basel. In der Kestner Gesellschaft Hannover gibt es mittlerweile Kinderkurse (Zielgruppe: Eltern), Führungen (allgemein Kunstinteressierte, ohne Kunstkenner zu sein), Vorträge/Filme/Konzerte (Kulturinteressierte, teils junge Leute), sogar Grillabende und Ladies Nights. Und im Frankfurter Städel hat man sich neben vielen anderen Angeboten etwas Besonderes einfallen lassen: „Kunstpause für Mamas. Entspannen und abschalten vom Babyalltag und dabei Neues entdecken.”

Diese Programme sind von Haus zu Haus verschieden, sie ändern sich auch mit wechselnden Direktionen und Etat-Umschichtungen, eine langfristige und flächendeckende Evaluation ist hier schwer möglich. Was nicht läuft, wird in der Regel rasch eingestellt, etwa die „Single-Treffs im Museum“, die in verschiedenen Häusern erprobt wurden und meistens floppten. Trotz all dieser pädagogischen Bemühungen wird die Jugend im Museum immer eine Minderheit bleiben. Schon jetzt ist das Gros des Stammpublikums in Museen und der Mitglieder in Kunst- und Museumsvereinen in der Altersgruppe 50+. Dies wird sich laut demografischen Vorhersagen in den kommenden Jahrzehnten noch verstärken. Während die Werbung mit ihrer „werberelevanten“ Zielgruppeneinteilung bis 49 Jahre noch dem Trend hinterherhinkt, denken die Museen schon länger an die Alten, beziehungsweise an die „jungen Alten“: Viele von ihnen haben genügend Freizeit und ein gutes Einkommen, vor allem gelten sie als offen und kulturinteressiert, sind sie doch sozialisiert und ausgebildet im Bildungsschub („Kultur für alle!“) der 1970er Jahre. Spezielle Kunstvermittlungsangebote für Senioren, sogar für Alzheimerbetroffene, sind in den letzten Jahren in vielen Museen auf- und ausgebaut worden, und hier wird in Zukunft auch noch viel zu tun sein. Insofern sind  ungeachtet des Buhlens um Jugendliche, junge Muttis und Migranten  die Alten die Zukunft, hier entscheidet sich, ob es einem Ausstellungshaus gelingt, im Blick auf die Besucherzahlen eine kritische Masse zu generieren, um zu überleben.

Der Erfolg all der bisherigen Bemühungen, Schwellenängste eines Nicht-Fachpublikums abzubauen, ist schwer messbar, fehlen doch systematische Studien über die Langzeitwirkung von Museumsbesuchen und Kunstvermittlungsprogrammen. Besucherforschung wird leider weiterhin vernachlässigt. Zudem befinden sich viele Formen der Kunstvermittlung in der Experimentierphase und werden laufend variiert. Erfolgsmeldungen sind oft nur punktuelle Momentaufnahmen. Bei allen erreichten Teilerfolgen muss man vor dem Trugschluss warnen, dass mit passgenau zugeschnittenen Kunstvermittlungsangeboten jede Zielgruppe erreichbar ist, und jedes Kunstwerk sich durch Vereinfachung und Interpretation einem Publikum erklären lässt, das zuvor durch Schnittchen, Musik und Kleinkunst ins Museum gelockt worden ist. Stattdessen führt letztlich kein Weg daran vorbei, die Komplexität der Kunst zu vermitteln, mit dem Publikum den Umgang mit Vielschichtigkeit zu trainieren, sich von der Idee zu befreien, dass alles in der Kunst einen Sinn hat, erklär- und übersetzbar ist. Jede Auseinandersetzung mit Kunst erfordert Anstrengungen und Entscheidungen des einzelnen Betrachters, und statt in ständiger Angst zu leben, das Publikum zu überfordern und zu verschrecken, statt immer neuer niedrigschwelliger Wohlfühlangebote sollte man nicht versäumen, die Kunst als Sphäre des Experiments, als Zone der Verrätselung und Verweigerung zu propagieren  denn auch das sind ganz entscheidende Merkmale von Kunst! In diesem Sinne wäre darüber nachzudenken, ob ein Ausstieg aus der Museumsnacht nicht der bessere Weg für viele Museen wäre, die stattdessen die frei gewordenen Ressourcen und Manpower in gezielte und langfristig angelegte Kunstvermittlungsprogramme investieren könnten. Und die komplette Absage einer Museumsnacht würde vielleicht einmal die Gelegenheit zum Nachdenken bieten, wen man mit Kultur überhaupt erreichen will  und zu welchem Zweck?

 

Dr. Christian Saehrendt ist Kunsthistoriker und freier Publizist. In diesen Beitrag wurden Gespräche mit Besuchern und Mitarbeitern u. a. von Museen in Wien (MUMOK), Zürich (Kunsthaus), Hannover (Kestnergesellschaft), Kassel (Staatliche Museen Hessen Kassel) Davos (Kirchnermuseum), Frankfurt (Städel) eingearbeitet.