Dystopie

9. Februar 2015

Die Kultur des tl;dr
(too long; didn’t read)

  Text:  Anna Aridzanjan    Illustration: Carla Böwering  


Leo Tolstois Krieg und Frieden am Stück zu lesen dauert ungefähr 32 Stunden. Jane Austens Stolz und Vorurteil könnte man dagegen in etwa sechseinhalb Stunden verschlingen. Heute ist vielen Kulturkonsumenten wichtig zu wissen, wie viel sie in Literatur, Musik, Filme und andere Kulturerzeugnisse investieren müssen. Hierbei geht es nicht mehr nur um Geld, sondern auch und vor allem um Zeit. Deswegen gibt es Webseiten, auf denen Leser informiert werden, wie viel Lesezeit große Werke der Weltliteratur einnehmen. Dann kann der kulturell Interessierte von heute auch das planen, in die To-Do-Liste eintragen und den Punkt nach 32 Stunden Krieg und Frieden säuberlich abhaken.

Wem 32 Stunden zu viel sind, der kann natürlich den entsprechenden Wikipedia-Artikel zum Buch lesen. Dann dauert es maximal zehn Minuten, um die Geschichte zu kennen. Und wem Lesen zu anstrengend ist, der lässt sich auf YouTube in wenigen Minuten unterhaltsam die Handlung nacherzählen.

Hier kann man einen Trend beobachten: der tl;dr-Konsum. Die Abkürzung steht für too long, didn’t read und symbolisiert die gesellschaftliche Nachfrage nach Kultur, die aber bitte nur in kleinen Portionen daherkommen soll. Gegliederte Informationsbröckchen, angenehm und leicht verdaulich aufgearbeitet, denn wir haben schließlich alle keine Zeit für massive, endlose Textblöcke. Wenn es kürzer und schneller möglich ist – warum nicht? Sich für Kulturgüter Zeit zu nehmen, ist ein seltener Genuss geworden. Man muss sich mental darauf vorbereiten. Diese strikte Einteilung der Zeit, die wir uns für Kultur nehmen, wird in Zukunft noch stärker ausgeprägt sein.

Nein, das soll kein kultur- und fortschrittspessimistischer Artikel werden. Die Hochkultur wird nicht untergehen, nur weil es YouTube-Videos gibt, die in gut einer Minute dicke Literaturschinken zusammenfassen und eventuell weniger Menschen das Werk im Original lesen. Diese Entwicklung ist durchaus eine positive. Jetzt, da nahezu alles auf der Welt vernetzt ist; jetzt, da so viel Wissen frei verfügbar ist wie nie zuvor, brauchen wir Ordnung, einen Filter.

Kultur- und Medienkonsum werden nie ganz verschwinden. Genauso wenig wie Kulturschaffende und Künstler verschwinden werden. Allerdings nehmen Kuratoren und Redakteure in Bezug auf den Kulturgüterkonsum in Zukunft eine größere Rolle ein. Sie machen lange Artikel zu Listen oder verwandeln ein dreistündiges Filmepos in eine Web-Serie, deren Folgen maximal fünf Minuten lang sind. Weltliteratur passt nicht nur in eine Minute Video, sondern auch in 140 Zeichen Text: Mit dem Hashtag #1Buch1Satz hat DIE ZEIT während der Frankfurter Buchmesse 2014 ihre Follower auf Twitter dazu aufgerufen, den Plot berühmter Romane in jeweils einen Tweet zu quetschen. Mit Erfolg.

Den Genuss des Originals wird die tl;dr-Kultur nicht ersetzen. Das ist, so glaube ich, auch nicht der Anspruch dieser Art von Zusammenfassung und Portionierung. Das Ziel ist eher: Hochkultur zu demokratisieren. Sogenannte „Klassiker“, deren Ausmaße zunächst abschreckend wirken, werden einer breiten Masse zugänglich gemacht. Die Kurzfassungen wecken vielleicht auch Neugier auf die Originale. Auf diese Weise kommt ein viel größerer Anteil der Bevölkerung in den Genuss von vormals elitärer Hochkultur. Wir sollten akzeptieren, dass Menschen Krieg und Frieden auch kennen können, ohne das Werk 32 Stunden lang gelesen zu haben. Ein gute Investition sind diese Stunden trotzdem.

 

 

 

Anna Aridzanjan ist Journalistin mit kulturwissenschaftlichem Migrationshintergrund. Sie rechnet lange Texte immer in 140-Zeichen-Häppchen um und fühlt sich im Internet wohler als auf dem Papier. Sie ist in Armenien geboren, in Deutschland aufgewachsen und findet, dass wir alle die Pluralform „Heimaten” viel zu selten nutzen.

Carla Böwering studiert Mediendesign und Kunst an der Bergischen Universität in Wuppertal. Nicht nur im Studium gestaltet sie verschiedenste Projekte und hat dabei besonders viel Spaß am Illustrieren und Animieren. Hurra!