Dystopie

9. Februar 2015

„Das Urheberrecht ist überholt.“
Ein Interview mit dem Kunstwissenschaftler und Medienphilosophen Wolfgang Ullrich

  Text: standpunktgrau    Bild: Rozbeh Asmani: Colourmarks, Courtesy Galerie Werner Klein  


Jan Böhmermann ist Moderator einer TV-Sendung und derzeit Deutschlands bekanntester Urheberrechtsbrecher. In einem Tweet an seine 150.000 Follower benutzte er ungefragt ein Foto und wurde dafür abgemahnt. Der prominente Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz hat eine längst überfällige Debatte angestoßen. Ist das Gesetz noch zeitgemäß? Was macht es mit der Kunst? Wir haben Prof. Dr. Wolfgang Ullrich um eine Einschätzung gebeten.

standpunktgrau: Herr Ullrich, kann Kunst auch ohne das Urheberrecht auskommen?

Wolfgang Ullrich: Historisch gesehen ist die Kunst die längste Zeit ohne solche Rechte ausgekommen. Das Urheberrecht ist eine relativ moderne Errungenschaft. Am Anfang wurde es von den Künstlern forciert. Heute arbeiten Künstler ganz gezielt mit Bildformen und Werkideen anderer. Sie variieren, parodieren, bauen aus und so weiter. Das Urheberrecht behindert dann das freie künstlerische Arbeiten. Insofern würden viele Künstler auf ihre Frage antworten: Natürlich können wir ohne Urheberrecht auskommen und vielleicht viel besser als bisher.

Also sollte das Urheberrecht abgeschafft werden?

Ich würde das Urheberrecht nicht generell abschaffen. Wir sollten grundsätzlich überlegen, was der ursprüngliche Gedanke dieses Rechts war und zwischen bildender Kunst und Musik oder Literatur differenzieren. Wenn jemand aus meinem Text zitiert, wird er mich nicht um Erlaubnis fragen, und ich bekomme schon gar kein Geld dafür. Ein Künstler hat andere Erwartungen: Wenn ein Gemälde, mit dem schon Geld verdient wurde, briefmarkengroß in einem Buch reproduziert wird, verlangt der Künstler erneut Geld dafür, dass dieses Bild wie ein Zitat abgedruckt wird. Diese unterschiedliche Behandlung von Texten und Bildern ist doch seltsam, oder?
Für mich ist ein wichtiger Punkt: Schade ich einem Urheber im materiellen Sinne, wenn ich sein Werk zitiere  oder schade ich ihm nicht? Es gibt sehr viele Fälle, in denen Geld verlangt wird, ohne dass ein materieller Schaden entstanden wäre.

Rozbeh Asmani, Abstract Colormarks, Galerie der Hochschule
für Grafik und Buchkunst Leipzig, 2012

 

Sie sagen, dass der Künstler die Entlohnung für den Abdruck eines Bildes verlangt. Geht die Forderung nicht vielmehr von der VG Bild-Kunst aus?

Es lassen sich nicht alle Künstler über die VG Bild-Kunst vertreten, häufig kommt die Forderung von den Künstlern selbst. Und da haben wir noch ein anderes Problem: Wenn die Künstler ihre Urheberrechte selber verwalten, dann nutzen sie diese mitunter, um eine Art Zensur auszuüben. Mir ist es bereits öfter passiert, dass ich einen Text erst dem Künstler vorlegen musste, bevor ich eine Abbildung verwenden durfte. Und dann wurde mir der Abdruck verboten, weil ihm das, was ich geschrieben habe, nicht gefallen hat! Das Urheberrecht kollidiert so mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung.

Ein zentraler Begriff des Urheberrechtsgesetzes ist das Werk. Wie würden Sie diesen definieren?

Ein Werk ist ein in sich abgeschlossenes Artefakt, das einen klaren Urheber hat. Man kann es auf eine Person oder eine Personengruppe beziehen, und indem es abgeschlossen ist, hat es eine gewisse Stabilität. Es zeigt sich in einer bestimmten Form und kann als Referenz für unterschiedliche Interpreten oder für unterschiedliche Formen des wiederholten Zeigens fungieren.

Das heißt, Appropriation Art, wie zum Beispiel die Kunst von Louise Lawler, die sich ganz bewusst auf andere Künstler und ihre Kunstwerke bezieht, würden Sie im Werkbegriff mit einschließen?

Ja, das ist ein Werk. Da wird etwas in einer stabilen Form präsentiert, als Fotografie zum Beispiel, und das ist sehr wohl ein Werk. 

Rozbeh Asmani, Deutsche Telekom AG #1, Siebdruck auf Forex, 
83 x 120 cm, 2012

 

Obwohl es diese starken Rückbezüge auf andere Werke gibt?

Für mich ist für den Werkbegriff nicht konstitutiv, dass es in einem starken oder auch nur schwachen Sinn originell ist. Es muss eine eigenständige Entität sein.

Wie passen dieser Werk-Begriff und das Urheberrecht in seiner aktuellen Form zusammen?

Auch hier zeigt sich, dass das Urheberrecht überholt zu sein scheint. Heutzutage beziehen sich viele Künstler nicht mehr auf die etablierten Werkformen, sondern bevorzugen temporäre, situative oder ephemere Formen. Es stellt sich die Frage: Was genau ist das Recht des Urhebers an einer Performance oder an einem Blog  oder an irgendetwas, das eine viel offenere Form besitzt?

Bleiben wir beim Thema Internet. Ist das Urheberrecht im Rahmen der Digitalisierung noch funktionell? Oder scheitert es spätestens hier?

Technisch kann es besser denn je funktionieren, weil man zum Beispiel Bilder wiederfinden kann. Aber vor allem durch Social Media haben sich neue Umgangsformen herauskristallisiert. Bilder sind zu dem Medium der Kommunikation geworden. Man teilt seinen Freunden mit Bildern statt Worten mit, wo man gerade ist, wie es einem geht, was man gerade denkt. Und man macht das Selfie vor dem Gemälde im Museum und lädt es auf seinem Facebook-Profil hoch.
Indem Bilder Kommunikationsmedien geworden sind, ist der Sinn des Urheberrechts obsolet. Es ist widersinnig, wenn ich mich erst noch um das Urheberrecht für das Kunstwerk kümmern muss, bevor ich das Selfie verschicke.

Stichwort Social Media und Netzwerke: Der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin vertritt die These, dass die Märkte in Zukunft durch Netzwerke ersetzt werden und dass Konsum durch Verfügbarkeit ersetzt wird. Glauben Sie, dass das auch die Zukunft der Kunst ist?

Ich glaube nicht, dass das die Zukunft der bildenden Kunst sein wird. Sie war über alle Epochen, Regime und politischen Systeme hinweg immer etwas, das aufgrund ihres Unikatcharakters eine begehrte Ware und ein Statussymbol war. Und das ist sie heute mehr denn je, wenn in unserer Gesellschaft vieles geteilt wird, digitalisiert ist oder eine Art von Gemeingut darstellt.

Und die Zukunft des Urheberrechtsgesetzes? Was würden Sie konkret ändern?

Ich würde die Verwendung, also das Posten, Rebloggen, Variieren und Parodieren von Bildern im Bereich von Social Media völlig freigeben. Ich würde das behandeln, wie man in der Gesellschaft den Umgang mit Witzen pflegt: Wir erzählen uns alle gerne Witze, aber keiner weiß, wer der eigentliche Urheber ist. Oft ist es bei Bildern im Internet genauso. Sie werden weitergepostet, weil man sie gerade witzig findet oder weil sie ein treffender Kommentar sind. Sie haben einen Sender, sie haben Adressaten, aber sie haben in dieser Situation keinen Urheber.

Rozbeh Asmani, Colourmarks, Michael Horbach Stiftung Köln, 2014

Colourmarks
Rozbeh Asmani arbeitet konzeptionell. In seiner aktuellen Serie Colourmarks setzt er sich mit der Ästhetik des Kapitalismus auseinander. Dafür hat er alle in Deutschland angemeldeten Farbmarken recherchiert und von einigen abstrakte Farbtafeln erstellt, die er als Serie präsentiert. Während sie im Ausstellungsraum zunächst ihre ästhetische Wirkmacht entfalten, wird der/die BetrachterIn erst beim erneuten Hinsehen ihrer eigentlichen Funktion und Bedeutung gewahr. Alle in der Serie verwendeten Farben sind nicht — wie jene der Farbfeldmalerei — selbstreferentiell, sondern stellen Farben dar, die sich Großfirmen haben schützen lassen, um sich von anderen Produkten unterscheiden zu können. Sie sind somit Ausdruck des Konkurrenzkampfes innerhalb eines auf Wachstum beruhenden kapitalistischen Systems. Asmani thematisiert damit die Inbesitznahme des kollektiven Gedächtnisses durch Marken über den Weg der Farbe und zeigt den komplexen Zusammenhang von Farbe, Macht und Identität auf.

 

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich (*1967 München) lehrt Kunstwissenschaft und Medienphilosophie und ist Prorektor für Forschung an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. In seinen Publikationen setzt er sich mit dem Kunstbegriff oder Fragen zur Konsumtheorie auseinander.

Rozbeh Asmani (*1983 Shiraz, Iran) ist seit 2015 Mitglied im Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, Meisterschüler der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und absolviert derzeit ein Postgraduierten Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Seine Werkgruppe COLOURMARKS visualisiert den Zusammenhang zwischen abstrakten Farben und Firmenidentitäten durch Farbmarken.