Utopie

9. Februar 2015

Das standpunktgrau-Experiment: Kino versus Theater

  Text:  Cathrin Ernst    Video: Norbert Weinrowsky  


Der Novemberabend 2014, den wir zwischen dem berühmten Lichtburg-Filmpalast und dem Grillo-Theater in der Ruhrgebietsstadt Essen verbringen, ist kalt und trocken. Wer keinen wärmenden Glühwein in der Hand hat oder hier ist, um den Weihnachtsmarkt in seinem kitschigen Glanz zu erkunden, huscht in dunklen Mänteln die Straßen entlang — und so mancher ins Theater. Genau dort lauern wir und halten erwartungsvoll Ausschau nach experimentierfreudigen Theatergängern. Das standpunktgrau-Experiment folgt einer simplen Idee und hat die direkteste Form von Marketing als Strategie: Wir stehen vor Theater oder Kino und versuchen die Besucher zu überreden, spontan eine Vorstellung der jeweils anderen Institution anzusehen. Finden wir eine Hand voll Leute, die spontan und neugierig genug sind, sich auf das Experiment einzulassen? Und liegt es wirklich an Faktoren wie Spontanität und Neugier, wenn sie es nicht tun?
Wir haben zehn Karten erworben. Vier Personen wollen wir vom Kino abbringen und für das Stück Misery in die Casa des Grillo-Theaters schicken, sechs Theaterbesucher könnten sich zu Die Tribute von Panem in der Lichtburg hinreißen lassen. Von dem konkreten Tausch-Stück wissen die befragten Personen allerdings noch nicht – etwas mysteriös sprechen wir von einem anderen Stück, einer anderen Veranstaltung und erst nach einer Zusage wird klargestellt, wohin sie eingeladen werden.

Wir starten unser Experiment am Eingang des Grillo-Theaters. Die Besuchergruppen, die dort anzutreffen sind, entsprechen den gängigen Vorurteilen: Erwachsene im unmissverständlichen Sinne, die Bezeichnung „gesetzteres Publikum” scheint es zu treffen. Beide für den heutigen Freitag geplanten Theaterstücke sind ausverkauft. Allein im Theatersaal finden 400 Zuschauer Platz, die sich eine Inszenierung von Die Leiden des jungen Werther ansehen. Das ist also die Abendplanung, die wir unseren Experimenteilnehmern ausreden wollen. Aufhalten mit der scheinheiligen Frage „Sind Sie gerade auf dem Weg ins Theater?” lässt sich niemand gerne, aber der Moderator David J. Becher ist charmant, und die Kamera macht neugierig.

Viele Abokartenbesitzer treten vor die Linse, aber auch Schülergruppen, die den Deutschstunden-Klassiker für das Zentralabitur durchkauen. Gruppen von Freunden, die beklagen, sie haben nach Monaten endlichen einen gemeinsamen Termin fürs Grillo gefunden. Ein Theaterbesuch — den Eindruck gewinnt man an diesem Freitagabend — will geplant sein: Tickets im Umschlag, eine gewisse Feierlichkeit, Vorsätzlichkeit. Nicht nur die Tatsache, dass eine gewisse Vorbereitung zu diesem Ausflug geführt hat, erschwert es uns die Paare und Grüppchen von unserem Experiment zu überzeugen. Auch der Preis der Theaterkarten ist mehreren ein Argument: Wir laden ins Kino ein, den Kartenpreis fürs Grillo erstatten wir aber nicht. Viele der Personen, die wir ansprechen, zeigen sich skeptisch, manche beinah empört: „Nun stehen Sie hier vor dem Theater, um das Publikum abzuwerben?“ Nun ja, irgendwie schon, aber auch umgekehrt, wir haben gute Absichten, beinah wissenschaftliche — ein Experiment! Unsere größte Chance ist es, die Neugier der Personen zu wecken. „Haben Sie Lust, an einem Experiment teilzunehmen?“ — insofern eine Ansprache mit Potenzial.

Nach der Frage zur Motivation für den Theaterbesuch, nach den Gewohnheiten und der Beziehung zur Institution geht es schnell zur Sache: Im Tausch gegen die Theaterkarte bekäme der Experimentteilnehmer eine andere Karte. Wofür? Unser wortgewandter Moderator kehrt aus Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1 so viel klassisches Drama wie möglich hervor: Eine Heldinnenreise in postapokalyptischer Szenerie, eine feministische Adaption der griechischen Sage von dem Helden Theseus und dem Minotaurus. Der Titel und dass es sich um einen Kinofilm handelt, bleibt unausgesprochen; sehr wohl verraten wir, dass nur wenige Meter Fußweg zu bewältigen sind. Das Interesse ist nicht gering, einige Besucher — nicht wenige Paare — lassen sich vor die Kamera bitten, erklären, dass sie die Stimmung im Theater lieben, von einem Schauspieler eingeladen wurden, sie im Freundeskreis des Theaters sind. Geht es allerdings um unser Vorhaben, sie von der Vorstellung abzuhalten, wird es schwierig. „Wir haben uns jetzt darauf eingestellt“ ist eine Absage an das Experiment, die wenig mit unserem Gegenvorschlag zu tun hat — somit nicht unbedingt eine Absage ans Kino ist. Sie ist vielmehr im Kontext der Vorsätzlichkeit und Limitiertheit des Theatererlebnisses zu sehen: die Stücke laufen nicht wochenlang allabendlich, die Eintrittskarten hingen so lange an der Pinnwand. Wir wollen und müssen da nun rein.

Direkte Absagen an das Kino wiederum hören wir nicht wenige: Am Ende können wir von sechs verfügbaren Kinokarten nur vier gegen Theaterkarten eintauschen. Liegt das darin begründet, dass das Gros der Leute, trotz unserer direkten Konfrontation und begeisterten Erzählung von dem „Stück Film“, schlichtweg mehr Interesse an Die Leiden des jungen Werther anstatt an einem Kinofilm hat?

Das Theaterstück beginnt, Spätankömmlinge hetzen die Treppen hoch und wir machen uns an den zweiten Teil des Experiments: Kinogänger ins Theater bringen. Die traditionsreiche Lichtburg hat es mit der Reinigung des roten Teppichs vor der Türe bestimmt nicht leicht: Der Anteil an Turnschuhen und plumpen Winterstiefeln ist hier sicher höher, neugierige Passanten stöbern vor den beleuchteten Plakaten im Eingangsbereich. Die Lichtburg wird als Deutschlands größter Filmpalast angepriesen, 1250 Menschen finden in ihrem Kinosaal Platz, weitere 150 im kleineren Saal im Keller.

Sechs Vorstellungen gibt es an einem durchschnittlichen Freitag. Ob die zukünftigen Experimentteilnehmer von einem sorgfältig geplanten Kinoabend abgehalten werden oder als Impulstäter vom spontanen Kinoerlebnis absehen, ist offen. Der aufkommende Winter ist die Zeit der lang ersehnten Blockbuster: Christopher Nolans Interstellar läuft heute, bald startet der Abschluss der Hobbit-Trilogie, Ridley Scotts Moses-Epos Exodus startet am ersten Weihnachtstag. In der Lichtburg läuft Mockingjay – Teil 1, der vorletzte Teil der in vier Filmen umgesetzten Roman-Trilogie Die Tribute von Panem.

Es gibt eine ständig nachwachsende Schlange vor den Kinokassen, es ist halb Acht und für die beiden um 20 Uhr startenden Filme gibt es sicher Reservierungen — im Voraus gekauft werden wiederum nur wenige Karten. Allerdings handelt es sich bei Mockingjay um eine gut beworbene und von den Massen langersehnte Produktion, der Film ist in Deutschland erst tags zuvor angelaufen. So haben wir zum einen die vergrößerte Chance, Publikum, das noch kartenlos vor der Lichtburg auf die Begleitung wartet, ansteht, Zigaretten raucht und plaudert, von der Teilnahme am standpunktgrau-Experiment zu überzeugen. Andererseits haben sich auch hier viele — wahrscheinlich kurzfristiger, aber nicht weniger verbindlich — verabredet („Eure Verabredung ist herzlich eingeladen, auch am Experiment teilzunehmen!“ argumentieren wir). Jene verunsichern sich gegenseitig, beziehungsweise bestätigen sich in der Überzeugung, dass sie den Film direkt heute sehen wollen. Natürlich werden auch hier konkrete Informationen zum Stück zurückgehalten: dass es sich um Karten für das Stück Misery handelt, welches um 20 Uhr in der intimen Kammerspielatmosphäre der Casa, dem zweiten Spielort des Grillo, aufgeführt wird, bleibt vorerst unausgesprochen. Da die Stephen King-Literaturadaption, die 1990 Kinogeschichte schreiben konnte, sich so dazu anbietet, umschreibt David J. Becher sie als „Psychothriller mit überraschender Wendung“.

Die zwei jungen Paare, die wir endlich überzeugen können, haben nicht viel zu verlieren: Jeweils planlos und nur mit der losen Idee ausgestattet, sich einen schönen Abend im Kino zu machen, stimmen sie der Teilnahme zu. Begeisterung ist nicht die vorherrschende Reaktion als sie erfahren, dass sie nicht in einen anderen Film, sondern ins Theater gehen werden. Die Scheu scheint in schlechten, durchaus weit zurückliegenden Erfahrungen mit erzwungenen Schulausflügen ins Theater begründet zu sein und wir machen das Zugeständnis, dass sie nach der Pause ruhig gehen dürfen. Liegt da etwas Angst in der Luft? „Und dann wurden wir gezwungen, den schönen Freitag auf dem Weihnachtsmarkt mit einem schrecklichen, nicht endenden Theaterbesuch ausklingen zu lassen?“ Wir geleiten sie zur Türe und sind sehr gespannt, ob und in welcher Stimmung wir sie dort in zwei Stunden wiedertreffen werden.

Was die Bindung des Publikums betrifft, scheinen sowohl beim Theater als auch im Kino ähnliche Mechanismen zu ziehen: Effekte und eine gewisse Programmabfolge.
Während der Zuschauer im Blockbuster von der ständigen Übersteigerung der special effects gefesselt wird und dafür das heimische Sofa verlässt, punktet die Theatererfahrung mit der Nähe zu den Schauspielern, der Unmittelbarkeit und — vor allem im Kammerspiel — Intimität. Was die Abo-Karten wiederum für die Besucher des Grillo-Theaters sind („Was hat Sie bewegt, heute Abend ins Kino zu gehen?” — „Mein Abo”), sind die effektvollen Ausschlachtungen meist literarischer Jugendwerke à la Harry Potter, die die Zuschauer dazu zwingen, jedes Jahr den neuesten Teil anzusehen und dranzubleiben. Auch die frühe Bindung des Publikums durch eine Gewöhnung und pädagogische Heranführung an das jeweilige Medium wird stärker forciert. Die Schulkinowochen werden vom Kultusministerium und der Filmwirtschaft getragen, Theaterpädagogen haben in verschiedensten Projekten die Gelegenheit, Kinder und Jugendliche für Erfahrungen im und mit dem Theater zu öffnen.

Während wir die Effekte solcher Maßnahmen höchstens in die Aussagen der interviewten Theater- und Kinobesucher hineininterpretieren können, bleibt hier die Frage zu klären, inwiefern „Kino versus Theater“ geeignet ist, um herauszufinden, warum sich Menschen für oder gegen unsere Einladung entscheiden. Wenn sie auch eine geringe Rolle spielt, war in beiden Fällen wohl eine gewisse Skepsis gegenüber des Experiments zu spüren, eventuell die Angst davor, auf einen Werbe-Nepp hereinzufallen. Womöglich hätten wir es uns leichter gemacht, wenn wir die konkrete Alternative ohne Umschweife offengelegt hätten: „Wir haben Karten für einen Kinofilm um 20 Uhr. Er ist toll, haben Sie nicht Lust, sich ihn anstatt des Theaterstückes anzusehen?“
Insgesamt vermute ich, dass sich die meisten Leute sehr bewusst für oder gegen den Besuch bestimmter Kulturveranstaltungen entscheiden. Das ist gut, wenn der Einzelne weiß, was er dort gut und gerne verpasst. Das ist sehr schade, wenn er glaubt zu wissen, dass Theater nichts für ihn ist, weil die Aufführung von „Das Sams“ in der dritten Klasse keine gute Unterhaltung war. Ohne ab und zu diese Erfahrungen aufzufrischen — und sei es um sicherzugehen, dass auch dieser Kinofilm wieder nicht den Geschmack getroffen hat, läuft man Gefahr, ein Kulturangebot rigoros zu verpassen, an dem man möglicherweise großen Gefallen finden könnte.

Für ein Gespräch nach dem Experiment standen leider nur zwei der insgesamt acht Teilnehmer bereit, was ein Fazit natürlich erschwert. Das Paar, das wir von der Lichtburg ins Theater gelockt haben und welches glücklicherweise sogar nach der Pause Lust auf mehr hatte, ist wunderbar begeistert: „Es war klasse, es war super. Es hat mich immer wieder fast von den Sitzen gerissen“. Von den eigenen Antworten scheint das Paar selbst überrascht zu sein, überrascht darüber, wie fesselnd, wie aufregend und vor allem wie anders-als-gedacht diese Theatererfahrung war.

Ein älteres Paar vor dem Grillo-Theater fasst eine mögliche Motivation für das Experiment Kino versus Theater polarisierend zusammen: „Wissen Sie, wir sind gar keine Kinogänger.” — Können die beiden sagen, warum? Ja: Sie sind Theatergänger. Wenn das utopische Ziel dieses Experimentes nun hätte sein können, den Theatergänger, den das Kino nicht reizt — und umgekehrt — eines Besseren zu belehren, dann haben wir das zumindest bei unserem letzten Paar erreicht: Die Erinnerung an Pflichtbesuche im Theater als Schüler konnten überzeichnet werden mit der im Experiment erlangten Erkenntnis, „dass Theater doch nicht so langweilig ist, wie man es von damals kennt”. Die vier Personen allerdings, die ursprünglich den Werther sehen wollten, haben offenbar das Kino vorzeitig verlassen. Schade. Vielleicht lag es daran, dass sie den dritten Teil einer Trilogie ansehen mussten, vielleicht sind Die Tribute von Panem besser für ein jüngeres Publikum geeignet, vielleicht waren sie sprachlos vor Begeisterung und wollten nicht mehr vor die Kamera treten.
Was es in jedem Fall war: eine Auffrischung der Erfahrung.

 

Cathrin Ernst hat ihren Bachelor in Medien- und Sozialwissenschaften in Bochum und Budapest studiert. Derzeit arbeitet sie daran, einen Master der Bildungs- und Sozialwissenschaften in Wuppertal draufzusetzen.

Norbert Weinrowsky, geb. 1971, Studium der Sozialpädagogik an der FH Düsseldorf, arbeitet als Medienpädagoge, Kameramann, Cutter und Filmemacher. Seit 1997 Mitarbeit beim „Medienprojekt Wuppertal“, medienpädagogische Anleitung bei Konzeption, Kamera und Schnitt. Mitarbeit bei Langzeitdokumentationen und internationalen Videoprojekten, Referent bei Fortbildungen. Konzeption und Umsetzung von Videoinstallationen bei Produktionen der Wuppertaler Bühnen.